Echo. Echo. Indigenous Voices

Welches Wissen zählt? Wem gehört das Land? Und wer wird gehört? Indigene Autor*innen kamen in der Literaturgeschichte lange nur am Rande vor. Das ändert sich endlich. In ihren Werken geben sie eigene Antworten auf die Klimakrise. Sie erzählen von alternativen Wissensformationen, struktureller Gewalt, Landraub und den Folgen europäischer Kolonialisierung. In den vielfach prämierten Romanen und Gedichten etwa von Louise Erdrich, Billy-Ray Belcourt und Natalie Diaz zeigt sich, das »indigenous literature« nur noch selten rein lokal verwurzelt ist. Als Teil globaler Literatur überschreitet sie sprachliche Grenzen; sie verknüpft verschiedene Textformen und durchmisst einen Echoraum, in dem verschiedene Erzähltraditionen zusammenklingen. In Lesung und Gespräch geben die Autor*innen Einblicke in ihre künstlerische Produktion und diskutieren die Komplexität kultureller Identität, ästhetischen Widerstands und literarischer Selbstbehauptung.

Die Veranstaltungsreihe »Echo. Echo« ist als Kooperationsformat zusammen mit dem literaturwissenschaftlichen Exzellenzcluster »Temporal Communities ― Doing Literature in a Global Perspective« entstanden.

 

Echo. Echo ist eine auf mehrere Jahre angelegte Veranstaltungsreihe in Kooperation mit dem Exzellenzcluster »Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective«, in der Literatur als mehrstimmiger, diverser Echoraum begriffen wird. Welche Stimmen sind ― über die Stimme der* Autor*in hinaus — in einem Gedicht, einem Roman, einem Textfragment zu hören? Welcher Widerhall von Stimmen, Texttraditionen und erzählerischen Formen können in den Werken, die betrachtet werden, ausgemacht werden?

Das Projekt geht im Ansatz von hochgradig determinierten literarischen Werken aus, von vorangegangenen, vergessenen, erinnerten, widersprechenden, mitsprechenden und nicht zuletzt latenten Stimmen. Spielend zwischen Wiederholung und Varianz wird im polyphonen und manchmal widerständigen Echo Literatur als Verflechtung unter- schiedlichster Kulturen und Zeitlichkeiten wahrnehmbar.

In Lesungen und Gesprächen geht die Reihe dem Zusammenklang von Literatur der Vergangenheit und Gegenwartsliteratur nach und diskutiert mit Autor*innen das Echo in ihren Texten.

In der ersten Ausgabe stehen »Indigenous Voices« im Mittelpunkt: der Bezug zu ihrer künstlerischen Tradition und zur Gegenwartsliteratur, das polyphone Gemenge von vorangegangenen, gegenwärtigen und kommenden Stimmen.

 

16 09 21—do 

18.00

silent green. betonhalle.lounge
Moderation: Bernd Pickert
englisch, spanisch/ english, spanish

ECHO. ECHO. INDIGENOUS VOICES
VOICES OF COMMUNITIES — POLITICS IN INDIGENOUS LITERATURE

Die Lyrikerin, Künstlerin und Philosophie-Dozentin Daniela Catrileo CHILE engagiert sich seit Jahren als Mitglied des feministischen Kollektivs »Rangiñtulewfü« für die Rechte der Mapuche. Zusammen mit Toni Jensen, die den Métis angehört und 2020 einen Band mit Memoir-Essays über das Leben indigener Frauen veröffentlichte, beleuchtet sie die Funktion von Literatur in der Kommunikation verschiedener kultureller Identitäten, die Globalisierung als Gewaltgeschichte und Konflikte, die aus neokolonialen Machtgefügen entstehen.

 

21.00

silent green. kuppelhalle
Moderation: Matt Aufderhorst
englisch/ english

ECHO. ECHO. INDIGENOUS VOICES
BODY MEMORIES: BILLY-RAY BELCOURT UND TONI JENSEN

Zwei Autor*innen, zwei Essay-Memoirs, in denen der menschliche Körper eine zentrale Rolle spielt: Billy-Ray Belcourt, Angehöriger der Driftpile Creek Nation, schreibt in seinem Essay »A History of My Brief Body« [2020] über Trauer, Kolonialgewalt, Queerness, Liebe und Sex, während Toni Jensen, ihrerseits Métis, sich in »Carry: A Memoir of Survival on Stolen Land« [2020] verschiedenen Formen der Gewalt widmet. Billy-Ray Belcourt wird live zugeschaltet.

 

17 09 21—fr

18.00

silent green. kuppelhalle
Moderation Sally-Charell Delin
Sprecherin/ speaker Lena Stolze
englisch/ english

ECHO. ECHO. INDIGENOUS VOICES
LOUISE ERDRICH: DER NACHTWÄCHTER

Louise Erdrich, Angehörige der Turtle Mountain Band of Chippewa Indians, erzählt in ihrem mit dem Pulitzer-Preis 2021 ausgezeichneten Roman »Der Nachtwächter«, wie ihr Großvater den Protest gegen die Enteignung der amerikanischen Ureinwohner*innen vom ländlichen North Dakota bis nach Washington trug. »Ein meisterhaftes Epos. Nach der Lektüre ist man tief bewegt und vermisst diese Figuren, als wären sie echte Menschen.« [New York Times Book Review] Die Autorin wird live zugeschaltet.

 

21.00 

silent green. kuppelhalle
Moderation Karolina Golimowska
Sprecherin/ speaker Nina West, Sven Philipp
divers/ diverse

ECHO. ECHO. INDIGENOUS VOICES
MIT HINEMOANA BAKER, DANIELA CATRILEO, BILLY-RAY BELCOURT, NATALIE DIAZ, PERGENTINO JOSÉ

Hinemoana Baker stammt von den Maori ab, schreibt ihre Texte in der maorischen Sprache und performt sie als Lyrikerin und Singer-Songwriterin. In ihren Gedichten treffen traditionell familienorientierte Werte der Maori-Kultur auf die Selbstbehauptung des Individuums. Zuletzt erschien mit »Funkhaus« ein Band, »der ein unüberschaubares Spektrum an Emotionen in Poesiebotschaften rhythmischer Form überträgt, vom Genfer See bis Waitangi, von Berlin bis Ihumātao.« [Jury, 2021 Ockham New Zealand Book Awards]

In ihrem Debütband »Río Herido« [2016; Ü: Verwundeter Fluss] rekonstruiert Daniela Catrileo den drohenden Identitätsverlust der Mapuche. Der Titel des Gedichtbands geht auf den Nachnamen der Autorin zurück: »Catrileo« ist eine hispanisierte Form des MapucheWorts »catri lewfü«, das »verletzter Fluss« bzw. »río herido« bedeutet. So macht sie den Fluss als Metapher und Symbol für den Identitätsverlust und den anhaltenden Widerstand der Mapuche gegen Auslöschung und Assimilierung fruchtbar.

Der mit dem renommierten Griffin Poetry Prize ausgezeichnete, queere Lyriker Billy-Ray Belcourt [live zugeschaltet] liest Gedichte aus »NDN Coping Mechanisms: Notes from the Field«, einem provokanten, kraftvollen Werk, in dem er mit anthropologischem Blick auf indigene Lebensrealitäten schaut. Genreübergreifend vereint er darin Lyrik, Fotografie und Poetik und spürt überall Zeichen des indigenen Leidens auf, um uns »Poesie in ihrer intimsten und politisch notwendigsten Form« zu zeigen. [Jury Griffin Poetry Prize]

Natalie Diaz [live zugeschaltet] wuchs im Fort Mojave Reservat am Colorado River auf. In ihrem Lyrikdebüt »When My Brother Was an Aztec« schreibt sie aus der Perspektive einer Schwester, die gegen die Drogensucht ihres Bruders ankämpft und sich in einer Familiendynamik bewegt, die von der Mythologie und Kulturgeschichte des Lebens im Reservat durchdrungen ist. In ihrem zweiten, 2021 mit dem Pulitzer Preis für Lyrik ausgezeichneten Band »Postcolonial Love Poem« befasst sie sich mit körperlichen Versehrungen, queerem Begehren, den Landschaften Kaliforniens und bringt dabei verschiedene Sprachlichkeiten zum Klingen. 

In den Texten von Pergentino José sprechen nicht selten die Toten. Sterblichkeit, politische und ökologische Vergehen, die indigene Communities in Mexiko bedrohen, sind wiederkehrende Themen seiner Gedichte, mit denen er das »kollektive Gedächtnis des ’Volks der Wolken’, wie die Zapoteken sich selbst nennen«, zu bewahren sucht. Dabei gleitet er »gekonnt zwischen der natürlichen, der menschlichen und der übernatürlichen Welt hin und her und vermischt die Welten, bis weder die Lesenden noch die Charaktere wissen, in welcher wir uns befinden.« [NPR]

 

Internationale Kinder- und Jugendliteratur:

JAINAL AMAMBING: SANSARINAGA UND DER FLIEGENDE BÜFFEL

In einem Dorf am Fuße des Kinabalu, dem höchsten Berg Malaysias, lebt Sansarinaga. Die Familie des Jungen besitzt leider keinen Büffel. Und so bleibt Sansarinaga stets allein zurück, wenn die Nachbarskinder ausgelassen auf ihren Tieren reiten. Doch dann hat der Junge eine Idee, die alles verändert. Das Bilderbuch über Freundschaft, Einsamkeit und kindlichen Erfindungsreichtum ist ein »expressives Farbfeuerwerk« [Borromäusverein]. Die Veranstaltungen sind Teil des ilb-Specials »Echo. Echo. Indigenous Voices« und finden in Kooperation mit dem Exzellenzcluster »Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective« statt.

MO 06 09 21 — FR 10 09 21/ 09:00 — 13:30 - die gelbe Villa/ Kl. 1 — 2
Fünftägiger Theater-, Näh- und Kunst-Workshop/ Digitale Abschlussbegegnung mit Jainal Amambing/ Deutsch
Leitung/ Facilitator: Sylvia Moss, Yasemin Kummer, Barbara S. Trost
Eintritt frei, Anmeldung erforderlich

DI 14 09 21/ 09:00 — 14:30/ Schule der teilnehmenden Klasse/ Kl. 1 — 2
Illustrations-Workshop/Digitale Abschlussbegegnung mit Jainal Amambing
Deutsch
Leitung/ Facilitator: Josefine Liesfel