Gast des ilb 2018.

Bibliographie

Eva schläft
Blessing
München, 2011
Wagenbach
Berlin, 2018
[Ü: Bruno Genzler]
Über Meereshöhe
Blessing
München, 2012
[Ü: Bruno Genzler]
Alle, außer mir
Wagenbach
Berlin, 2018
[Ü: Esther Hansen

Francesca Melandri [ Italien ]

Francesca Melandri wurde 1964 in Rom geboren. Sie wirkte als Drehbuchautorin, u. a. bei der Adalbert-Stifter-Adaption »Bergkristall«, dem Märchenepos »Fantaghirò« nach Italo Calvino sowie der populären TV-Serie »Don Matteo« mit Terrence Hill in der Titelrolle. Zudem führte sie Regie bei der Dokumentation »Vera« (2010) über eine Holocaustüberlebende, die als Einzige ihrer aus Zagreb stammenden Großfamilie der Vernichtung entrinnen konnte und sich nun im hohen Alter in der Nähe von Rom der Züchtung von Vollblütern widmet.

Ihren Erstlingsroman »Eva dorme« (2010; dt. »Eva schläft, 2011) siedelte Melandri in Südtirol an, wo sie selbst fünfzehn Jahre verbrachte. Als der verschwunden geglaubte Stiefvater im Sterben um ein letztes Treffen bittet, begibt sich die Protagonistin von Bozen aus in Richtung Reggio Calabria am südlichsten Ende des italienischen Stiefels. Auf der Reise lässt sie die Lebensgeschichte ihrer alleinerziehenden Mutter und die wechselhafte Historie der Region Alto Adige Revue passieren. In der Rückschau offenbart sich, welch einschneidenden Einfluss der fortwährende politische Konflikt auf die intimen Verhältnisse und nicht zuletzt auch auf die untereinander gebrauchte Sprache hatte, sodass die Emanzipation und Beharrlichkeit einer auf sich selbst gestellten Frau umso deutlicher zutage tritt. Auch in »Più alto del mare« (2012; dt. »Über Meereshöhe«, 2012) kommt die existenzielle Bedeutung einer lang zurückliegenden Folge von Begegnungen zum Vorschein: Ende der siebziger Jahre treffen in einer Sturmnacht eine Bergbäuerin und ein früh emeritierter Philosophieprofessor beim Besuch einer abgeschotteten Gefängnisinsel auf einen Vollzugsbeamten, der sich auf dem Eiland ebenso isoliert fühlt wie die unter ihren Verfehlungen und den alltäglichen Demütigungen leidenden Inhaftierten. Melandris jüngster, drei Generationen umspannender Roman »Sangue giusto (2017; dt. »Alle, außer mir«, 2018) thematisiert die oft verdrängten kolonialen Interventionen Italiens. Als die Lehrerin Ilaria vor ihrer Wohnung in Rom von einem jungen Afrikaner mit der Botschaft abgepasst wird, er sei ihr Neffe – zudem steht in seinem Pass der Name ihres zeitlebens unerreichbaren, in sich gekehrten Vaters –, wird sie mit der bislang unaufgearbeiteten familiären und nationalen Vergangenheit konfrontiert. Um das Rätsel der Verwandtschaftsverhältnisse zu lösen, muss die Protagonistin sich mit der italienischen Besetzung Äthiopiens befassen – Verwicklungen, die letztlich auch ein neues Licht auf noch schwelende Fehden sowie die Verantwortung Europas für gegenwärtige Flüchtlingsbewegungen werfen.

Die Autorin wurde mit vielen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Premio Rapallo Carige und dem Premio Selezione Campiello; 2018 ist sie Finalistin des Premio Strega. Ihre Werke wurden in zahlreiche europäische Sprachen übersetzt. Melandri lebt in Rom.