Olga Tokarczuk Portrait
© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2001, 2010.

Bibliographie

Ur und andere Zeiten

Berlin Verlag

Berlin, 2000

[Ü: Esther Kinsky]

 

Taghaus, Nachthaus

Deutsche Verlags-Anstalt

Stuttgart/München, 2001

[Ü: Esther Kinsky]

 

Letzte Geschichten

Deutsche Verlags-Anstalt

München, 2006

[Ü: Esther Kinsky]

 

Anna In in den Katakomben. Der Mythos der Mondgöttin Inanna

Berlin Verlag

Berlin, 2007

[Ü: Esther Kinsky]

 

Unrast

Schöffling

Frankfurt/Main, 2009

[Ü: Esther Kinsky]

 

Der Gesang der Fledermäuse

Schöffling

Frankfurt/Main, 2011

[Ü: Doreen Daume]

 

Die Jakobsbücher

Kampa

Zürich, 2019

[Ü: Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein]

Olga Tokarczuk [ Polen ]

Olga Tokarczuk wurde 1962 in Sulechów bei Zielona Góra in Polen geboren. Sie studierte Klinische Psychologie an der Universität von Warschau. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie zunächst als Therapeutin.

1993 erschien ihr erster Roman »Podróż ludzi Księgi« (Ü: Die Reise der Buchmenschen), der von der Gesellschaft der polnischen Buchverlage als bestes Prosadebüt der Jahre 1992 und 1993 ausgezeichnet wurde. Tokarczuks dritter Roman »Prawiek i inne czasy« (1996; dt. »Ur und andere Zeiten«, 2000) erzählt die Geschichte eines kleinen fiktiven Ortes in Ostpolen über acht Jahrzehnte. Das Leben der Menschen wird zwar bestimmt von den geschichtlichen Ereignissen des 20. Jahrhunderts, dennoch überwiegt trotz der historischen Verankerung der Eindruck von Zeitlosigkeit in dem von Tokarczuk kreierten poetischen Raum. Es geht um die ewigen Themen von Liebe und Hass, Geburt und Tod, Spiritualität und Materialismus. Tokarczuk verarbeitet antike wie biblische Mythen, wobei Zeit und Raum sich verschränken und einander aufheben. Mythologie steht auch im Mittelpunkt ihres Romans »Anna In w grobowcach świata« (2006; dt. »Anna In in den Katakomben«, 2007), wo sie die Sage der sumerischen Mondgöttin Inanna aufgreift. Der Roman »Dom dzienny, dom nocny« (1999; dt. »Taghaus, Nachthaus«, 2001) spielt in einem Dorf in Niederschlesien, der Wahlheimat Tokarczuks. Formell gesehen handelt es sich um einen Text, der sich aus Fragmenten zusammensetzt: essayistische Betrachtungen über Vergangenheit und Gegenwart dieser Region, ihre Heiligenlegenden und Lebensgeschichten der Bewohner. Tokarczuks Roman »Bieguni« (2008; dt. »Unrast«, 2009) handelt vom Nomadentum des modernen Menschen und variiert in seiner Form zwischen Reiseerzählung, mythologischen Geschichten und philosophischen Betrachtungen. Ihr von Agnieszka Holland verfilmter Tierschützerroman »Prowadź swój pług przez kości umarłych« (2009; dt. »Der Gesang der Fledermäuse«, 2011) erzählt von einer gealterten Bergbauingenieurin, die in der Zurückgezogenheit der südpolnischen Berge ihrer Liebe zu Tieren, der Astrologie und William Blake frönt. Tokarczuks historischer Roman »Księgi Jakubowe« (2014; dt. »Die Jakobsbücher«, 2019) widmet sich dem Leben von Jakob Joseph Frank, der als einer der einflussreichsten Figuren des jüdischen Lebens im 18. Jahrhundert sein Volk in Osteuropa für die Moderne öffnen wollte. In einer Verbindung von historischem und magischem Realismus schildert Tokarczuk das Schicksal der polnisch-litauischen Adelsrepublik vor dessen Aufteilung zwischen Russland, Österreich und Preußen. Das Werk löste in Tokarczuks Heimat eine Kontroverse aus: »Es hat eine bestimmte Leerstelle, ein Defizit in der Geschichtsschreibung in Polen gefüllt. So ein Buch gab es bisher noch nicht – ein Buch, das eine Alternative zu einem romantischen Geschichtsbild anbietet.«

Olga Tokarczuk lebt seit 1998 im Dorf Krajanów bei Nowa Ruda und in Wroclaw. Dort führte sie auch mehrere Jahre ihren Verlag Ruta, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Neben vielen anderen Ehrungen erhielt sie 2002 den Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis, 2018 den Man Booker International Prize und 2019 den Nobelpreis für Literatur (rückwirkend für das Jahr 2018). Das Komitee begründete seine Entscheidung mit Tokarczuks »narrativer Vorstellungskraft, die mit einer enzyklopädischen Leidenschaft das Grenzüberschreiten als eine Lebensform repräsentiert«.