Faïza Guène Portrait
© Ali Ghandtschi

Gast des ilb 2007.

Bibliographie

Kiffe kiffe demain
Hachette littératures
Paris, 2004

Paradiesische Aussichten
Carlsen
Hamburg, 2006
[Ü: Anja Nattefort]

Träume für Verrückte
Ullstein,
Berlin, 2008
[Ü: Anja Nattefort]

Übersetzer: Anja Nattefort

Faïza Guène [ Frankreich ]

Faïza Guène wurde 1985 als Tochter algerischer Einwanderer in Bobigny bei Paris geboren und wuchs im Pariser Vorort Courtillières auf. Bereits als Jugendliche begann sie zu schreiben und sammelte in Schreibwerkstätten erste schriftstellerische Erfahrungen. Ein Betreuer erkannte das Talent der damals Dreizehnjährigen und ermunterte sie dazu, weiter zu schreiben. 2004 gab Guène mit »Kiffe kiffe demain« (dt. »Paradiesische Aussichten«, 2006) ihr fulminantes Debüt, und heute gehört sie zu den neuen jungen Stimmen der französischen Literatur. Der Roman, der weltweit für Aufmerksamkeit sorgte, verkaufte sich in Frankreich über 100.000 Mal und wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

In knappen, bildreichen Sätzen erzählt »Paradiesische Aussichten« ohne jede Beschönigung vom Leben und Alltag junger Mädchen in den Banlieues von Paris: Die 15-jährige Doria lebt mit ihrer analphabetischen Mutter in der Vorstadt Cité du Paradis, der Vater hat die Familie verlassen, um in Marokko mit einer jüngeren Frau den ersehnten Sohn zu zeugen. Seitdem muss Doria einmal in der Woche zu einer Psychologin, die nach Läuse-Shampoo riecht und sie nicht versteht, aber nett ist. Außerdem sind da noch eine immer perfekt manikürte Sozialarbeiterin, ihr Kumpel Hamoudi, einer der »Großen« in der Cité, und Nabil, »die Null«, der ihr dreist den ersten Kuss raubt. Zwischen erstaunlicher Klarsicht und träumerischer Naivität schwankend, erfrischend humorvoll und ohne Larmoyanz zeichnet die Autorin in einem lebendigen Monolog die Gefühlswelt und die Gedanken der jungen Doria nach. Guène erzählt von der Wut und dem Frust französischer Jugendlicher aus sozial schwachen Verhältnissen und der Einsicht, dass trotz aller Widrigkeiten »die Zeit ja doch irgendwo hinläuft«. »Ihre Romane lesen sich wie Rap – und verkaufen sich zu Hunderttausenden. Faïza Guène spricht die Sprache der jungen Leute, die […] die Vorstädte in Frankreich auf den Kopf stellten. Und sie versteht sie: ›Sie sind von der Realität überfordert‹«, schrieb »Die Tageszeitung«. »Paradiesische Aussichten« ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007 nominiert.

2006 erschien ihr zweiter Roman »Du rêve pour les oufs« (Ü: Träume für Verrückte), in dem die 24-jährige Ich-Erzählerin Alhème den Leser lebhaft »das Drama der Immigration und den Schmerz der Einwandererkinder in den Vorstädten spüren« lässt (»Le Canard Enchaîné«). Ernster und politischer als ihr Debüt, aber mit dem gleichen bestechenden Witz, berichtet Guène von den großen Missständen in der französischen Gesellschaft. »Ich wollte nicht die Rolle der Fahnenträgerin der Mädchen der Vorstädte übernehmen, aber so ist es gekommen, da nur wenige Leute meiner ›Schicht‹ in den Medien wirklich präsent sind. Wenn es jemand also schafft, sich Gehör zu verschaffen, spricht er zwangsweise für die anderen mit«, sagt die Autorin.

Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit hat Faïza Guène bereits mehrere Kurzfilme gedreht, darunter den Dokumentarfilm »Mémoires du 17 octobre 1961« (2002), der sich mit dem Massaker Pariser Polizisten an friedlich demonstrierenden Algeriern an eben jenem Tag auseinandersetzt. Neben zahlreichen Lesereisen um die ganze Welt arbeitet Faïza Guène an ihrem neuen Roman und widmet sich audiovisuellen Projekten.

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