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 Writing Space

Jostein Gaarder (Norwegen)                                              « | | »

Ich schreibe in einer kleinen Einzimmerwohnung im Herzen von Oslo. Dort steht mein Computer. Aber meine Romane entstehen nie »im Büro«. Vor dem Bildschirm bin ich ziemlich phantasielos.

Meine Ideen bekomme ich immer, wenn ich draußen unterwegs bin. Ich kann meine Gedanken nicht bewegen, ohne auch meinen Körper zu bewegen. Also gehe und gehe ich, bis endlich ein Roman beginnt, Form anzunehmen. Ich gehe im Wald, ich gehe in den Bergen und ich gehe in der Stadt. Dann setze ich mich ins Büro und schreibe und schreibe – bis ich stecken bleibe und wieder losgehen muss.

Schiller schreibt, der Mensch sei frei, wenn er spielt, denn dann erschaffe er seine eigenen Gesetze. Eine solche Freiheit suche ich auf, wenn ich mich in den Wald verdrücke und dort viele Stunden mutterseelenallein sein kann, ohne einem anderen Menschen zu begegnen. Im Umland von Oslo habe ich die Wahl zwischen vielen hundert verschiedenen Wegen – verteilt auf einige zehntausend Hektar. Ich entscheide mich immer erst, wenn ich vor einer Weggabelung stehe, welchen Weg ich einschlagen will. Ein solches Element von Wegwahl und Improvisation ist auch für den Schreibprozess charakteristisch.

Natürlich ist es ein großes Privileg, in einer von Europas Hauptstädten und nur fünf Minuten von der unberührten Natur entfernt zu wohnen. Sokrates hat gesagt, er müsse in der Stadt leben, weil die Bäume auf dem Lande ihn nichts lehren könnten. Ich finde, dass ich bei den Bäumen auf dem Lande mehr lerne als bei einem Barbesuch in der Stadt.

[Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs]

Jostein Gaarders "Kommabild"

Das internationale literaturfestival berlin ist eine Veranstaltung der Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik e.V. und der Berliner Festspiele unter der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO- Kommission. Es wird ermöglicht aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds.
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