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Writing Space 

Duong Thu Huong (Vietnam/Frankreich)                      « | | »


Der Ort des Schreibens

Der Ort des Schreibens ist eine Art Gewohnheit, die für vornehme, reiche Leute selbstverständlich ist, und vor allem für jene, die ein angenehmes, friedliches Leben führen. Aber was ist der Ort des Schreibens jener verfolgten Schriftsteller, politischer Gefangenen und vieler anderer, die nicht leben, sondern überleben und für die das Schreiben ein Rettungsanker ist, der sie vor dem Untergehen bewahrt?...

Ich denke an den Autor des "Don Quijote", der seinen Roman in einem mittelalterlichen Gefängnis schrieb. Eins ist sicher: In seinem Raum gibt es keine Musik, weder Sinfonien von Beethoven, Chopin, Mozart, noch Jazz oder Volksmusik. Und noch eins ist sicher: In seiner Zelle gibt es keinen kostbaren Duft wie den der Rose, der Aloe oder des wohlriechenden Calambac, sondern nur den Gestank der Aborte, der den Gefangenen ständig folgt. An diesem ungastlichen Ort hat Cervantes dennoch sein ewig geltendes, glänzendes Buch geschrieben.

Vielleicht sagt Ihnen diese Tatsache etwas?...

Und ich erinnere mich auch an ein anderes Buch, das die Leser der ganzen Welt zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erschütterte. Es ist der Roman "Papillon". Was ist in diesem Fall der Ort des Schreibens für den Autor, der ein echter Gefangener ist, der wegen einer falschen Anklage fast sein gesamtes Leben in einem französischen Gefängnis verbrachte?...

Welches ist der ideale Ort, um so ein wunderbares und schreckliches Buch zu schreiben?... Vielleicht seine Zelle, wo er Kakerlaken jagte, um sie roh zu verschlingen, wo er ständiger Folter ausgesetzt war, wo er träumte und die Tage bis zu seiner schicksalhaften Flucht zählte?...

Dies ist tatsächlich sein Ort des Schreibens, denn die Tage, an denen er die Dinge auf das weiße Papier bringen kann, sind nur die letzten Momente, in denen er das Buch korrigieren kann, das er aus seinem ganzen Leben gemacht hat.

Diese beiden Beispiele sind für mich am interessantesten, weil sie in charakteristischer Weise die absolute Freiheit beweisen, die der Schriftsteller als Waffe benutzen kann, um sich zu schützen und zu entwickeln.

Verschiedene Wege führen nach Rom.

Es gibt verschiedene Arten zu leben und zu überleben.

Der Ort des Schreibens ist an sich gleichgültig; das ist unumstößlich.

 

Duong Thu Huongs "Kommabild"


Das internationale literaturfestival berlin ist eine Veranstaltung der Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik e.V. und der Berliner Festspiele unter der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO- Kommission. Es wird ermöglicht aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds.
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