10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Emmanuel Carrère [ Frankreich ]

Biographie

© Falk Nordmann
© Falk Nordmann

Gast des ilb 2012.

Bibliographie

Schneetreiben
Berlin Verlag
Berlin, 1996
[Ü: Lis Künzli]

Der Schnurrbart
Wagenbach
Berlin, 1997
[Ü: Georges Hausemer]

Amok
S. Fischer
Frankfurt a. M., 2001
[Ü: Irmengard Gabler]

Limonow
Matthes & Seitz
Berlin, 2012
[Ü: Claudia Hamm]

Emmanuel Carrère wurde 1957 in Paris geboren. Er studierte an der renommierten französischen Grande École »Sciences Po« (Institut d’études politiques) in Paris und arbeitete zunächst als Filmkritiker.

1995 erschien sein Roman »La classe de neige« (dt. »Schneetreiben«, 1996), in dem der Außenseiter Nicolas mit seiner Klasse auf Skireise fährt. Der introvertierte Junge, der unter der ständigen Kontrolle seines strengen Vaters leidet, flüchtet sich in seine eigenen Traumwelten, oft geprägt von Gewaltfantasien. Als im Nachbardorf ein Junge grausam ermordet aufgefunden wird, bildet er sich ein, dass sein Vater etwas mit diesem Verbrechen zu tun hat. Carrères mitreißende und unheimliche Geschichte über das Innere eines empfindsamen Jungen wurde 1998 von Claude Miller verfilmt. Auch in »L’Adversaire« (2000; dt. »Amok«, 2001) widmet sich der Autor den Abgründen der menschlichen Psyche. Das Buch basiert auf einer wahren Begebenheit, die sich Anfang der neunziger Jahre in einem kleinen französischen Dorf nahe der Schweizer Grenze ereignete. Jean-Claude Romand führt scheinbar ein geregeltes Leben: Er ist Familienvater und Arzt bei der Weltgesundheitsorganisation. Doch in Wahrheit belügt er sich und seine Umgebung seit mehr als 17 Jahren, denn seinen Abschluss in Medizin hat er nie gemacht. Sein Doppelleben findet ein tragisches Ende, als er seine Frau, Eltern und Kinder umbringt. Sein Selbstmordversuch scheitert und er wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Emmanuel Carrère recherchierte die Geschichte genau: Er beobachtete den Prozess, sprach mit Freunden und Verwandten und nahm Kontakt zu dem Täter selbst auf. Entstanden ist eine distanzierte Schilderung der Ereignisse ohne moralische Wertungen, die es dem Leser ermöglicht, sich ein eigenes Bild der Geschehnisse zu machen. Mit »Un roman russe« (2007; dt. »Ein russischer Roman«, 2009), der in Anlehnung an seinen 2003 auf dem Filmfest in Venedig gezeigten Dokumentarfilm »Retour à Kotelnitch« entstand, begibt sich Carrère auf die Spuren seiner eigenen Vergangenheit. Er beleuchtet darin u.~a. die bis dahin verschwiegene Geschichte seines georgischen Großvaters, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Kollaborateur der Deutschen in Frankreich verschleppt wurde und nie wieder zurückkehrte. In seinem neuesten Werk »Limonov« (2011; dt. »Limonow«, 2012) zeichnet der Autor das abenteuerliche Leben von Eduard Limonow nach, einem ehemaligen ukrainischen Gauner, der über einige Umwege zu einem bekannten Schriftsteller und Politiker wurde. Anhand dieser Biografie eines durchaus schillernden Mannes erfährt der Leser auch so manches über weltgeschichtliche Ereignisse der letzten Jahrzehnte. »Limonov« wurde u.~a. mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet.

Emmanuel Carrère ist auch Drehbuchautor für Fernsehen und Kino und führt selbst Regie. Er lebt in Paris.

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