Péter Nádas [ Ungarn ]
Biographie
Péter Nádas, geboren 1942 in Budapest, verlor bereits als Jugendlicher seine Eltern: Die Mutter starb
1953 an Krebs, der Vater, ein Altkommunist, Widerstandskämpfer und Fachmann für Nachrichtentechnik,
beging 1958 Selbstmord. Die Chemie-Ausbildung brach Nádas ab, um als Fotograf zu arbeiten.
1961 erschienen erste Aufnahmen in dem Frauenmagazin »Nök Lapja«. 1965 veröffentlichte
er seine erste Erzählung, »Die Bibel«, die Geschichte eines Jungen aus der Stalin-Ära, der ein Dienst -
mädchen sadistisch quält. Mitte der 1960er Jahre begann Nádas auch als Journalist bei der Tageszeitung
»Pest Megyei Hirlap« zu arbeiten, doch geriet er zunehmend in Konflikt mit der offiziellen
Berichterstattung. 1968 zog er als freier Schriftsteller aufs Land.
Das Erscheinen seines ersten Romans »Egy családregény vége« (Ü: Ende eines Familienromans)
verhinderte die Zensur über mehrere Jahre, bis er 1977 schließlich herauskam. Er handelt vom Sohn
eines ungarischen Geheimdienstoffiziers, der nach dem Tod der Mutter bei den Großeltern aufwächst.
Im stalinistisch geprägten Unterdrückerstaat bekommt sein Weltbild Risse. Einen Gegenentwurf bietet
der Großvater, der dem Jungen von jüdisch-biblischen Mythen erzählt. Nádas erzählt nicht chronologisch
aus der Perspektive eines Kindes, sondern zeigt eine private Tragödie unter kollektivpsychologischem
Druck.
Im Weiteren schrieb Nádas Theater- und Prosastücke. 1986 erschien nach elf Jahren Arbeit das
mehr als tausend Seiten umfassende Werk »Emlékiratok könyve« (Ü: Buch der Erinnerung). Es begründete
seinen internationalen Ruf als Schriftsteller. Kritiker feierten es als »Epochenroman«, als
»Meilenstein der europäischen Prosa« und verglichen es mit Werken von Marcel Proust und Robert
Musil. In einer komplexen Struktur aus wechselnden Zeitebenen und Perspektiven wird das Gefühlsleben
eines Intellektuellen in der Auseinandersetzung mit einem menschenverachtenden System geschildert.
In Vorbereitung ist die deutsche Übersetzung seines Buches »Parallelgeschichten« (2005),
an dem er 18 Jahre arbeitete. Es erzählt die Geschichte einer ungarischen und einer deutschen Familie
im 20. Jahrhundert.
Nach wie vor ist Nádas auch als Fotograf tätig. So illustriert er seine Bücher mit Fotos, z.B. die auf
Deutsch unter dem Titel »Spurensicherung« (2007) zusammengefassten Texte über eine Verhör- und
Folterstätte der ungarischen Staatssicherheit. Nádas, der 1981 als Gast des Berliner Künstlerprogramms
des DAAD ein Jahr in Berlin lebte, erhielt u.a. den Österreichischen Staatspreis für Europäische
Literatur (1991) und den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (1995). Er lebt
in Budapest und Gombosszeg.
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