Bora Ćosić [ Serbien, Deutschland ]
Biographie
Bora Cosic wurde 1932 in Zagreb geboren. Ab 1937 lebte er in Belgrad, wo er Philosophie studierte. In den fünfziger Jahren arbeitete er als Redakteur für verschiedene Zeitschriften und als Übersetzer aus dem Russischen (Majakowski, Chlebnikow). 1956 erschien sein erster Roman "Kuca lopova" (Ü: Haus der Diebe), eine surrealistische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Jugoslawien. Bald stand sein Name auf der "schwarzen Liste" der Autoren, von deren Publikation die staatliche Kulturbürokratie den einheimischen Verlagen abriet. Die Theaterfassung seines satirischen Romans "Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution" von 1969 zog ein mehrjähriges Publikationsverbot nach sich.
Aus Protest gegen den Kurs des serbischen Regimes verließ Cosic 1992 Belgrad und ließ sich im istrischen Rovinj nieder. Während des Exils in Kroatien, dem offiziellen Feindesland Serbiens, entstand sein "Tagebuch eines Heimatlosen" (1993), das angefüllt ist mit Reflexionen über Proust und den deutsch-französischen Krieg. Ein Stipendium des DAAD führte ihn 1995 nach Berlin, wo er bis heute lebt. Als serbischer Autor im Exil plädierte Cosic 1999 (anlässlich des Nato-Einsatzes im Kosovo) dafür, nicht nur die Albaner, sondern auch die Serben von Milosevic und "von sich selbst", d. h. vom "völkischen Wahn" zu befreien.
Bora Cosic hat über dreißig Bücher geschrieben, die in viele europäische Sprachen (u. a. ins Deutsche, Englische, Französische und Ungarische) übersetzt wurden. Nach der Veröffentlichung seines ersten Satire-Bands "Wie unsere Klaviere repariert wurden" (1968) interessierten sich deutsche Verlage erst wieder in den neunziger Jahren für den serbischen Schriftsteller. Seither wird er von der deutschen Kritik als einer der witzigsten und skurrilsten Autoren gefeiert. Diesen Ruf verdankt er insbesondere dem inzwischen zum "subversiven Klassiker" (Andreas Breitenstein, "NZZ") avancierten Roman "Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution", der 1994 in Deutschland erschien. Der satirisch-polemische Effekt dieser Familienchronik aus der Zeit von der deutschen Besatzung bis zur Etablierung des Tito-Regimes ergibt sich aus der scheinbar naiven Perspektive des kindlichen Ich-Erzählers, in der historische und alltägliche Ereignisse zu einem grotesken Gesamtbild verschwimmen. Orientiert sich Cosic in diesem in Serbien als Kultbuch gefeierten Werk nur implizit an dem Konstruktionsprinzip der "Blechtrommel", ist der spielerische Umgang mit Günter Grass und anderen Vorbildern, wie z.B. Krleža, Musil, Dostojewski, Hamsun oder Proust, in anderen Fällen programmatisch. Dies signalisieren Titel wie "Musils Notizbuch", "Ein zweites Treffen in Telgte", "Geschichte Myschkins", "Bergottes Witwe" oder die fiktive Autobiographie "Miroslav Krleža" (1998). Die "Montage vorgefundenen Materials", so der Kritiker Karl-Markus Gauß, ist bei Cosic "ein bevorzugtes ästhetisches Prinzip". Dies gilt auch innerhalb seines eigenen Werkes, das sich dem Autor zufolge in einem fortwährenden Prozess befindet und zahlreiche Querverbindungen aufweist. So entwickelte er etwa die an den Rollstuhl gefesselte Protagonistin Suarda im Monolog-Roman "Bel Tempo" von 1982 aus der Figur der Großmutter Cosic', die schon in "Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution" literarisch verewigt wurde.
Seit einigen Jahren schreibt Bora Cosic auch Gedichte - 2005 erschien die Sammlung "Irenas Zimmer". Zuletzt wurde "Die Reise nach Alaska" veröffentlicht, Beschreibungen eines Besuchs im ehemaligen Jugoslawien und Reflexionen darüber, wie es zu der Katastrophe des Krieges kommen konnte. Cosic wurde mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und dem "Albatros" der Günter-Grass-Stiftung ausgezeichnet.
© internationales literaturfestival berlin
Berlin View
Irgendwo in der Stadt Kopenhagen lebte um 1905 der Maler Vilhelm Hammershoi. Dort, im zweiten Stock der Strandgade Straße 30, machte er dieses merkwürdige Bild, ein Raum ohne alles. Nur eine Reihe geräumter Zimmer mit offenen Türen, als hätte er vorher all seine Sachen hinausgetragen.
So entstand die Episode in meinem Buch "Die Zollerklärung", die Darstellung meiner ehemaligen Wohnung, in Belgrad, nachdem ich sie für immer verlassen hatte.
Das könnte gleichzeitig auch das ideale Universum des Schreibens sein. Der Dichter Cesare Pavese betrachtete einen leeren, unbewohnten Ort als paradiesisch.






