Guus Kuijer [ Niederlande ]
Biographie
Guus Kuijer, Schöpfer literarischer Figuren wie »Madelief« und »Polleke«, gehört zu den herausragenden Kinderbuchschriftstellern der Niederlande. Er wurde 1942 in Amsterdam geboren und arbeitete als Lehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. In mehr als dreißig Romanen, Erzählungen, Theaterstücken und Drehbüchern hat er international Maßstäbe gesetzt für eine Literatur, die Kinder als Leser ernst nimmt. Nachdem Kuijer zunächst für Erwachsene schrieb, erschien 1975 »Met de poppen gooien« (Ü: Mit den Puppen werfen), sein erstes »Madelief«-Kinderbuch. Mit der Übersetzung des vierten Bands, »Erzähl mir von Oma« (OT: »Krassen in het tafelblad«, 1978), eroberte die beliebte Mädchen-Figur 1981 den deutschsprachigen Kinderbuchmarkt.
In einer unverwechselbaren Mischung aus leisem Humor und warmherziger Respektlosigkeit öffnet Guus Kuijer dem Leser »eine ganze Schatztruhe von Dingen, die die Welt bewegen« (»Süddeutsche Zeitung«). Gekonnt siedelt er seine Romane zwischen heiteren Alltagsepisoden und der Tragik des Lebens an und versteht es, auch den Schrecken mit einem Lächeln zu bannen. Glasklar und tiefgründig schildert Kuijer, wie seine jungen Protagonisten in das Leben hineinwachsen und einen amüsierten Blick auf die Welt der Erwachsenen werfen.
Zu seinen bekanntesten Werken gehören die preisgekrönten »Polleke«-Romane. Den Auftakt der fünfteiligen Serie machte 1999 »Voor altijd samen, amen« (1999; dt. »Wir alle für immer zusammen«, 2001). Mit leichter Hand und entwaffnender Komik porträtiert Kuijer ein heranwachsendes Mädchen zwischen chaotischer Patchworkfamilie und multikulturellem Schulalltag. Voller Sympathie lässt er die elfjährige Polleke schnoddrig ihre turbulenten Erlebnisse ausbreiten, zu denen auch die liebevoll-komplizierte Beziehung zu ihrem Vater Spiek gehört, der sich als Dealer durchs Leben schlägt und sie immer wieder enttäuscht. Mit herzerfrischender Zuversicht geht Polleke auf alle Gefühlsverwirrungen zu und erlebt, wie sich hinter Zorn und Aggression oftmals Liebe und Zärtlichkeit verbergen. Kuijers »großartige Identifikationsfigur« – wie das Fachmagazin »Eselsohr« schrieb – führt dem Leser vor, dass Kinder eine eigene Meinung haben und selbst Entscheidungen treffen können. »Wir alle für immer zusammen« erhielt u.a. den Deutschen Jugendliteraturpreis (2002).
Mit »Het boek van alle dingen« (2004; dt. »Das Buch von allen Dingen«, 2006), ausgezeichnet mit dem Luchs des Jahres 2006, legte Guus Kuijer erneut einen Roman vor, der Kindern etwas zumutet, aber auch zutraut: Der neunjährige Thomas wächst im Amsterdam der fünfziger Jahre auf, mit einem gewalttätigen Vater, der als religiöser Eiferer die Familie unterdrückt. Als er die Nachbarin Frau Amersfoort kennen lernt, geht ihm eine neue Welt voller Bücher und Musik auf, und langsam wagt er erste Schritte hinaus aus der strengen grauen Welt. »So viel Kluges über Liebe und Glaube, Freiheit und Glück in alltägliche Szenen zu packen und in Dialoge, die auch mal Purzelbäume schlagen, das ist Guus Kuijers ganz große Kunst«, befand die »Neue Zürcher Zeitung«.
Guus Kuijer, dessen literarisches Werk nur vier Jahre nach der Veröffentlichung seines erstes Kinderbuchs mit dem Niederländischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur (1979) gewürdigt wurde, erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen und war zweimal für den ALMA Astrid Lindgren Memorial Award nominiert.
© internationales literaturfestival berlin
Berlin View
„Gibt es irgendwas Interessantes, das man über meinen Arbeitsplatz berichten könnte?“, fragte ich meine Frau.
Sie überlegte. „Nein“, sagte sie dann.
„Kannst du dir nicht was ausdenken?“, fragte ich.
„Nein“, sagte sie. „Aber jetzt, wo ich darüber nachdenke: Ich habe mich immer darüber gewundert, dass du einen Arbeitsplatz mit Blick auf den Garten brauchst.“
„Das kann man ja wohl kaum als interessant bezeichnen“, sagte ich.
Verzweifelt suchte ich irgendetwas Bemerkenswertes für die Leute in Berlin.
„In dem Garten muss es wilde Kaninchen geben und eins davon muss pechschwarz sein“, sagte sie.
Ich sah einen Funken des Triumphs in ihren Augen.
„Na und?“, fragte ich.
„Das Erstaunliche ist“, sagte sie, „dass wir so einen Garten haben.“
Ich ging in mein Zimmer, schaute aus dem Fenster und sah ein schwarzes Kaninchen vorbeihoppeln.
Da begriff ich, dass alles, was ich brauchte, immer zufällig vorhanden war.
[Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister]







