Shashi Tharoor [ Indien, USA ]
Biographie
Der indische Schriftsteller und Diplomat Shashi Tharoor wurde 1956 in London geboren, als sein Vater dort für die englischsprachige indische Zeitung »The Statesman« tätig war. Tharoor studierte in Indien und in den Vereinigten Staaten, wo er mit 22 Jahren in Jura promovierte und anschließend in den Dienst der Vereinten Nationen trat. Während der Krise um die vietnamesischen »Boat People« in den siebziger Jahren leitete er das Büro des UN-Flüchtlingswerks in Singapur und koordinierte später friedenssichernde Maßnahmen im früheren Jugoslawien. Von 1997 bis 1998 war er Assistent von UNO-Generalsekretär Kofi Annan, 2002 wurde er von diesem zum Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der UNO ernannt.
Tharoor, der seine diplomatische Tätigkeit zunächst nur als vorübergehend betrachtete, bezeichnet Schreiben und seine Arbeit für die UNO als zwei gleichermaßen wichtige Aspekte seines Lebens. »Wenn ich das eine oder das andere aufgeben müsste, würde ein Teil meiner Seele sterben.« Sein Werk befasst sich mit einem zentralen Gegenstand: seiner Heimat Indien. So treu er diesem Thema bleibt, so unterschiedlich sind die literarischen Gattungen, in die er es kleidet: Neben Romanen verfasst er Zeitungsartikel, Kurzgeschichten, Sachbücher und wissenschaftliche Arbeiten. »The Great Indian Novel« (1989; dt. »Der große Roman Indiens«, 1995) ist eine moderne, ironisierende Adaption des 2000 Jahre alten Nationalepos »Mahabharata« – erzählt aus Sicht des 20. Jahrhunderts. »Show Business« (1992; dt. »Bollywood«, 2006) – verfilmt unter dem Titel »Bollywood« und jüngst ins Deutsche übersetzt – ist eine Satire auf die indische Filmindustrie. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1991 den Commonwealth Writers' Prize.
Tharoors jüngster Roman »Riot. A Love Story« (2001; dt. »Aufruhr. Eine Liebesgeschichte«, 2002) erzählt vor dem Hintergrund religiöser Spannungen die Geschichte der heimlichen Liebe zwischen einer Amerikanerin und einem verheirateten Regierungsbeamten. Nach Ausschreitungen zwischen Hindus und Moslems bei einer Prozession wird die Frau erstochen aufgefunden. Wie schon in seinem Sachbuch »India. From Midnight to the Millennium« (1997; dt. »Indien. Zwischen Mythos und Moderne«, 2000) verzichtet Tharoor auch hier auf eine durchgängige Erzählperspektive. Stattdessen verknüpft er virtuos fiktive Zeitungsartikel, Tagebucheinträge, Briefe und Gesprächsaufzeichnungen zu einer Collage, die dem Leser nicht nur überlässt, welcher Wahrheit er folgen möchte, sondern auch deutlich macht, dass die indische Realität mit ihrer langen und wechselvollen Geschichte und ihren gegenwärtigen Pluralismen und Konflikten weitaus komplexer ist, als dass sie sich auf eine einfache Formel bringen ließe: »Was immer man über Indien sagt – das Gegenteil ist auch richtig», sagt der Autor.
Nach der Biografie des Staatsmanns und Wegbegleiters Ghandis »Nehru: The Invention of India« (2003; dt. »Die Erfindung Indiens«, 2006) veröffentlichte Tharoor zuletzt den Essayband »Bookless in Baghdad« (2005; Ü: Buchlos in Bagdad). Darin versammelt der Vielleser und Weltreisende eine Fülle von Erlebnissen, Reflexionen und Anekdoten rund ums Buch und die Tätigkeit des Lesens. Tharoor lebt in New York.
© internationales literaturfestival berlin
Berlin View
The writing space that matters to me is the space inside my head. It is the space within which I, as a novelist, must create an alternative moral universe, and fill it with people, ideas, stories and concerns that are as real to me as those I encounter in my daily life. That space, alas, has become more and more difficult to find in recent years, and so my writing space is shrinking....






