10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
Sie sind hier: Startseite Teilnehmer Autoren 2006 Dževad Karahasan

Dževad Karahasan [ Bosnien und Herzegowina ]

Biographie

© Hartwig Klappert
© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2006, 2002, 2001.

Bibliographie

Stidna žitija
Bratstvo-Jedinstvo
Novi Sad, 1989

Tagebuch der Aussiedlung
Wieser
Klagenfurt, 1994
[T: Klaus Detlev Olof]

Der östliche Diwan
Wieser
Klagenfurt, 1994
[T: Karin Becker]

Schahrijârs Ring
Rowohlt
Berlin, 1997
[T: Klaus Detlev Olof]

Sara und Serafina
Rowohlt
Berlin, 2000
[T: Barbara Antkowiak]

Das Buch der Gärten
Insel
Frankfurt/Main, 2002
[T: Katharina Wolf-Griesshaber]

Der nächtliche Rat
Insel
Frankfurt/Main, 2006
[T: Katharina Wolf-Griesshaber]

Dževad Karahasan wurde 1953 in Duvno, Jugoslawien (heute Republik Bosnien-Herzegowina), geboren. Er studierte Theaterwissenschaft und Vergleichende Literaturwissenschaften in Sarajevo und promovierte in Zagreb mit einer Arbeit über den kroatischen Schriftsteller Miroslav Krleža. Anschließend arbeitete Karahasan als Dramaturg am Volkstheater Zenica, dann als Redakteur der Literatur- und Kunstzeitschrift »Odjek« in Sarajevo und als Chefredakteur der Literaturzeitschrift »Izraz«. Ab 1986 lehrte er Dramaturgie und Dramengeschichte an der Akademie für szenische Künste der Universität Sarajevo. 1993 verließ er die umkämpfte Stadt und arbeitete als Gastdozent an der Universität Salzburg. Später war er als Lektor in Göttingen tätig.
Ein Stipendium des DAAD führte Karahasan 1995 nach Berlin, und zwei Jahre später wurde er Stadtschreiber von Graz. Von 1998 bis 2000 betreute er als Dramaturg und Übersetzer drei Inszenierungen der Dramen Georg Büchners am Nationaltheater in Sarajevo. Der bosnische Schriftsteller, der immer für die Beibehaltung des Vielvölkerstaates plädierte, schreibt regelmäßig Beiträge für europäischen Zeitschriften wie »Lettre International«, »Kursbuch«, »MicroMega« und »Les Temps Modernes«. 1999 wurde er dafür mit dem Herder-Preis ausgezeichnet.
1980 veröffentlichte Karahasan seinen ersten Band mit Erzählungen, »Kraljevske legende« (dt. »Königslegenden«, 1996). Neben Theaterstücken, Essays und Hörspielen erschienen 1989 zwei Romane: »Stidna žitija« (Ü: Ein keusches Heiligenleben) und »Istočni diwan« (dt. »Der östliche Diwan«, 1993), eine Kriminalgeschichte im Kontext mittelalterlicher islamischer Philosophie. Für »Dnevnik selidbe« (1993; dt. »Tagebuch der Aussiedlung«, 1993), eine Beschreibung des Kriegsalltags in Sarajevo, erhielt Karahasan 1994 den europäischen Essaypreis »Charles Veillon«.
Auch die Haupthandlung der Romane »Šahrijarov prsten« (1994; dt. »Schahrijârs Ring«, 1997) und »Sara i Serafina» (1999; dt. »Sara und Serafina«, 2000) spielt in der belagerten Stadt Sarajevo. Mit seinem vielfach verschachtelten Erzählverfahren, elliptischen Erzählschleifen und essayistischen Einschüben erzeugt der Autor eine spezifische Spannung. »Schahrijârs Ring« enthält drei ineinander gefügte Erzählungen, die den Leser schrittweise in eine entfernte, orientalische Vergangenheit führen. Dieses Verfahren erlaubt dem Autor, aktuelle Geschichtserfahrung mit historischer Recherche, psychologische Erzählkunst mit Motiven aus Tausendundeiner Nacht und rationalistische Philosophie mit islamischer Mystik zu verknüpfen. Weniger romanesk liest sich »Sara und Serafina«, eigentlich eine Novelle, deren Geschehen in der erzählten Zeit nur etwa dreißig Minuten umfasst. Doch der Ich-Erzähler holt weit aus, um die Vergangenheit heraufzubeschwören, um Handlungen und Verhaltensweisen zu beschreiben und Gespräche wiederzugeben, die auf diese schicksalhafte halbe Stunde seines Lebens zugeführt haben.
Für den Essayband »Knjiga vrtova« (2002; dt. »Das Buch der Gärten«, 2002) erhielt Karahasan 2004 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Sein neuester Roman »Noćno vijeće« (2005; dt. »Der nächtliche Rat«, 2006) wurde mit einhelliger Zustimmung bedacht. Er thematisiert poetisch, eindrücklich und spannend die Vorgeschichte des serbischen Kriegs gegen die Bosnier am Anfang der neunziger Jahre.

© internationales literaturfestival berlin

Berlin View

Zum schreiben benötige ich zwei Räume bzw. zwei Typen von Raum - einen offenen und einen geschlossenen. Ich kann nämlich nur im Gehen, also im offenen Raum, meine Figuren kennenlernen, die Geschichte entwickeln und die Architektur des Buches vollenden. Zum Schreiben selbst brauche ich aber mein Zimmer, also einen geschlossenen Raum, und zwar mein eigenes, mir wohl bekanntes und intimes Zimmer, in dem ich schlafe, lese und schreibe, denn diese drei Tätigkeiten liegen in meinem Erleben unmittelbar beieinander und durchdringen sich gegenseitig. Wie könnte ich mein innigstes Ich durch Schreiben artikulieren, wenn das Schreiben dem Schlafen und meinen Träumen fremd bliebe?