10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Herta Müller [ Deutschland, Rumänien ]

Biographie

© Doris Poklekowski
© Doris Poklekowski

Gast des ilb 2002, 2012.

Bibliographie

Niederungen
Rotbuch
Berlin, 1984

Heute wär ich mir lieber nicht begegnet
Rowohlt
Reinbek, 1997

Atemschaukel
Hanser
München, 2009

Cristina und ihre Attrappe oder
Was (nicht) in den Akten der Securitate steht
Wallstein
Göttingen, 2009

Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel
Hanser
München, 2011

Herta Müller wurde 1953 in Nitzkydorf im Banat geboren. Ihre Familie gehörte zur deutschen Minderheit in Rumänien. 1973 bis 1976 studierte sie an der West-Universität in Timișoara deutsche und rumänische Philologie. Nach dem Studium arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik sowie als Lehrerin, bis sie 1979 entlassen wurde, da sie die Kooperation mit dem rumänischen Geheimdienst Securitate verweigerte. Als einzige Frau gehörte sie dem Literaturkreis »Adam Müller-Guttenbrunn« an, zu dem u.~a. die rumäniendeutschen Autoren der zuvor von der Securitate aufgelösten sogenannten Aktionsgruppe Banat zählten.

Ihr erster Erzählband »Niederungen« schildert in eindringlichen Szenen das Dorfleben Banater Schwaben zwischen Angst, Ausweglosigkeit, Korruption, Elend und Gewalt. In Rumänien erschien der Band 1982 nur mit starken Eingriffen der Zensur. 1984 wurden die Erzählungen in veränderter Form auch in Deutschland veröffentlicht. Aufgrund der in Interviews geäußerten Kritik am totalitären Regime Ceaușescus wurde sie in ihrer Heimat mit einem Publikations- und Reiseverbot belegt, vom Geheimdienst drangsaliert und mit dem Tod bedroht. 1987 konnte sie schließlich nach West-Berlin ausreisen. Ihre Exilerfahrung, die Entwurzelung und Einsamkeit verarbeitete sie u.~a. in »Reisende auf einem Bein« (1989). Neben Romanen, darunter »Herztier« (1994) und »Heute wär ich mir lieber nicht begegnet« (1997), verfasste sie zahlreiche Essays, teils gesammelt in den Bänden »Der König verneigt sich und tötet« (2003) und »Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel« (2011). Zudem fertigte sie mehrere Alben mit Lyrik-Collagen aus Zeitungen und Büchern ausgeschnittener Worte und Silben. 2009 erschien der Roman »Atemschaukel«, basierend auf Gesprächen mit dem Lyriker Oskar Pastior über seine Deportation in ein sowjetisches Arbeitslager. Der Text besticht durch Müllers sprachgewaltigen Stil extremer Verdichtung einzelner Wörter und Metaphern. Jüngst veröffentlichte sie ihren neuesten Band poetischer Collagen »Vater telefoniert mit den Fliegen« (2012).

2009 wurde Herta Müller mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. »Das Thema Diktatur ist von sich aus dabei, weil Selbstverständlichkeit nie mehr wiederkehrt, wenn sie einem fast komplett geraubt worden ist«, sagte sie in ihrer Stockholmer Ansprache und berichtete, wie sie in dem entwürdigenden, perfiden System mit dem Schreiben begann: »Das Geschehen war im Reden nicht mehr zu artikulieren, [...] dieses konnte ich nur noch stumm im Kopf buchstabieren, im Teufelskreis der Wörter.« Sie wurde außerdem u.~a. mit dem International IMPAC Dublin Literary Award (1998), dem Berliner Literaturpreis (2005) sowie dem Großen Verdienstkreuz der BRD (2010) ausgezeichnet. 2010 wurde ihr die von Ernest Wichner konzipierte Ausstellung »Der kalte Schmuck des Lebens« gewidmet. Herta Müller lebt in Berlin.

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