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Floortje Zwigtman - Eine Geschichte für Europa

Eine Geschichte für Europa – Welche Kinder- und Jugendliteratur braucht Europa?

Beitrag von Floortje Zwigtman (Niederlande)

 

 

 

Ich bin als Leserin in einer Zeit aufgewachsen, in der Kinderbücher eine Mission hatten. Diese Mission bestand darin, soziale Missstände zu thematisieren. Die Hauptfiguren wurden in einen dunklen Wald voller Probleme geschickt: Kindesmisshandlung, Drogenkonsum, Inzest, Todesschwadronen in Südamerika.

Böse ging es zu in dem Land, in dem die Bücherkinder wohnten, aber auch sehr spannend. Dort wurde das wahre Leben geschildert und man fühlte sich als Kind ernst genommen.

Bis man feststellte, dass das wahre Leben außerhalb der Bücher anders ablief. Denn wie tief die Hauptfiguren in diesen realistischen Jugendromanen auch sinken mochten, die Rettung auf den letzten Seiten war garantiert. Je nachdem, welchen Beruf der Autor des jeweiligen Buchs früher ausgeübt hatte, tauchte ein Lehrer, Sozialarbeiter, Psychologe oder ein anderer sympathischer Erwachsener auf, der alles in einem einzigen Kapitel zum Guten wendete. Oder der Hauptfigur gelang es aus eigener Kraft, sich in einem einzigen Kapitel vom Opfer zum Helden zu wandeln. Denn auch Jugendbücher müssen, wie mir eine Rezensentin einmal vorhielt, dem Leser Hoffnung geben.

 

Nun ist Hoffnung ein großes Gut und kann vielen Enttäuschungen trotzen, aber als dreizehn-, vierzehnjährige Leserin fiel mir doch allmählich auf, dass es eine Diskrepanz zwischen meinem eigenen Leben und dem meiner Bücherhelden gab. Denn auch ich war ein sympathischer Teenager und auch ich hatte Probleme, doch wo blieben die kompetenten Erwachsenen, die mein Leben wieder auf die richtige Spur brachten? Denen, die ich kannte, fielen höchstens Gruppengespräche ein, nach denen sie sich zufrieden zurücklehnten in der wohligen Gewissheit, ein wenig zur Verbesserung der Welt beigetragen zu haben. Und meine eigenen Vorsätze, mutig und entschlossen zu sein, führten selten zu dem glücklichen Ende, das die Bücher versprachen.

 

Langsam, aber sicher gelangte ich zu der Überzeugung, dass ich belogen wurde. Und, schlimmer noch, mich beschlich die unangenehme Ahnung, dass ich mit diesen Büchern auch noch heimlich erzogen werden sollte …

Wen du brav bist, kriegst du was Schönes … und auf den Helden wartet das Happy End. Offenbar war ich nicht nett genug, um die Belohnung zu verdienen, die diese Bücherhelden bekamen. Oder war das glückliche Ende vielleicht nur ein Wunschtraum, der mit der Wirklichkeit wenig zu tun hatte?

 

1997, als ich schon lange kein Teenager mehr war, las ich »Junk« von Melvin Burgess und das hat mich sowohl als Leserin wie auch als Schriftstellerin geprägt. Hier war eine temporeiche, unmittelbare Geschichte, die ein junges Lesepublikum unterhalten konnte. Und was für mich als erwachsene Leserin noch wichtiger war: eine Geschichte von einer Rohheit und psychologischen Tiefe, die mich so packte, wie es die niederländische Autorin Renate Dorrestein mit den Worten beschrieb: »Hey du, lies das!« Und schließlich, was das Allerwichtigste war, gab es Helden, an die ich glauben konnte. Weil sie eben keine Helden waren.

 

Kurz gesagt, beschreibt »Junk« den Untergang zweier junger Drogensüchtiger im Bristol der frühen achtziger Jahre. Tar ist vor einem alkoholkranken prügelnden Vater abgehauen, Gemma will sich in das große, aufregende Leben stürzen. Für beide geht es schief. Drogen, Prostitution, Teenagerschwangerschaft … Alle Zutaten der üblichen rührseligen Geschichten sind vorhanden. Aber »Junk« ist anders. Weil es die Jugendlichen so zeigt, wie sie sind.

Als Gemma sich prostituiert, um ihre Heroinsucht zu finanzieren, folgt darauf nicht die pflichtgemäße Reue von wegen »Ich darf den jungen Lesern kein schlechtes Vorbild sein«. Nein, sie verkündet munter:

 

Die Sache ist die - ich kenne meine Grenzen. Ich bin vernünftig. Lily sagt, ich verhalte mich immer vernünftig, sogar wenn ich durchknalle. Stimmt haargenau. Ich sorge für mich. Ich esse gut. Meine Freier müssen ein Kondom benutzen. Ich arbeite nicht auf der Straße, sondern in einem Massagesalon. Ich benutze mit niemandem gemeinsam eine Spritze, außer mit Tar. Ich bin kein Junkie. Ich kann jederzeit aufhören. Manchmal tue ich das auch, für eine Woche oder so, bloß um mir zu beweisen, dass ich alles im Griff hab.

 

Heiter trippelt Gemma durchs Leben, und wenn wir ihr zurufen wollen: Tu’s nicht, lass es sein, denk mal nach …, dann lacht sie uns ins Gesicht. Es gibt keine moralische Lektion außer der unvermeidlichen Schlussfolgerung, dass es hier einmal schiefgehen wird.

 

Gemma ist keine sympathische Figur. Sie ist eigensinnig und egoistisch, blind in ihrem Selbstvertrauen, trifft in einem fort falsche Entscheidungen und zieht andere mit in den Untergang. Sie ist ganz und gar nicht die Heldin, die nach den Regeln des Jugendromans ein glückliches Ende verdient. Und doch muss man sie einfach gern haben. Melvin Burgess gelingt es, Figuren zu schaffen, die eher Schurken als Helden sind, jedoch so viel von beiden Seiten haben, dass wir verstehen, warum sie so sind. Er zeigt uns Figuren, die uns als Leser zwingen, erwachsen zu werden und das Schlechte in guten Menschen zu sehen.

Gemma und ihre Junkie-Freunde haben mehr mit uns gemein als der durchschnittliche Bücherheld. Sie führen uns die Möglichkeiten jedes Einzelnen vor Augen: Liebe und Hass, Heldentum und Feigheit, Gut und Böse. Keine festgeschriebenen Charaktereigenschaften, die zwischen Unmensch-Held oder Unmensch-Schurke verteilt werden, sondern Entscheidungen, die wir bewusst oder unbewusst treffen können, je nach den Umständen und unseren Launen.

 

Für die Helden, die ich aus den meisten Büchern meiner Jugend kannte, war es kein Problem, die richtige Entscheidung zu treffen. Die gute Absicht des Autors lenkte sie dorthin. Es gab keinen Grund für die Schlechtigkeit der Schurken. Sie war ihnen durch den Autor auferlegt, der in seiner göttlichen Allmacht keine Erklärung für das Wesen seiner Schöpfung zu liefern brauchte.

Diese Bücher haben allerdings kaum etwas mit dem wahren Kampf junger Menschen zu tun, mit ihren Entscheidungen zwischen dem verlockenden Guten und dem verlockenden Bösen in einer Welt, in der es selbst für Erwachsene oft schwer bis unmöglich ist, moralische Entscheidungen zu treffen.

 

Die Jugendlichen in Europa haben ein Recht auf Bücher, die ihren Kampf und ihre Probleme erkennen, die sie ernst nehmen, indem sie ihnen nicht immer fix und fertige Lösungen präsentieren, sondern sie zum Denken anregen, zu einer langen, vielleicht endlosen Reise ins geistige Erwachsensein. Unsere Mission besteht darin, keine Missionare mehr zu sein.

 

Übersetzung: Sylke Hachmeister

 

 

 

N1: »Hier jij, lees dit!«, in: Renate Dorrestein: Het geheim van de Schrijver. Atlas-Contact