10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Robert Paul Weston - Eine Geschichte für Europa

Eine Geschichte für Europa – Welche Kinder- und Jugendliteratur braucht Europa?

Beitrag von Robert Paul Weston (Großbritannien)

 

 

Ich bin ziemlich sicher, dass jeder in Deutschland, und vermutlich auch in anderen europäischen Ländern, Michael Ende kennt. In Kanada, wo ich aufwuchs, ist das nicht der Fall. Bei meinen Besuchen zahlreicher Schulen in verschiedenen Regionen meines Landes stelle ich immer wieder fest, dass nur wenige Kinder und Jugendliche je von den Büchern Michael Endes gehört haben. Ich hoffe sehr, dass das in Europa anders ist. Ende starb 1995. Damit er nicht vergessen wird, möchte ich ihn als einen Autor nennen, dessen man sich immer bewusst sein sollte.

Endes bekanntester Roman »Die unendliche Geschichte« entstand 1979. »Momo« ist jedoch meiner Meinung nach sein schönstes Buch. Es handelt von einem Mädchen, das gegen die geheimnisvollen Grauen Herren kämpft, die in ihrer unersättlichen Gier nach der Zeit danach streben, die Konten ihrer Zeitsparbank zu füllen.

Richtig, eine Zeitsparbank. Das ist genau das, wonach es klingt: eine verräucherte, dubiose Institution, bei der man nicht sein Geld, sondern seine Zeit anlegt. Wie man das macht? Ganz simpel: Man hetzt, nimmt Abkürzungen, verzichtet auf Muße zugunsten geistloser, skrupelloser Produktivität.

Was mir – neben dem wunderbaren Stil, in dem das Buch geschrieben ist, den sympathischen Figuren, den fantastischen Abenteuern und der farbenfrohen Darstellung – am besten gefällt ist die durchdachte Komposition des Romans. Ende bietet weitaus mehr Exkurse und thematische Nebenstränge als viele andere Kinderbücher unserer Zeit. Gleichzeitig verweist er immer wieder (kritisch) auf Wirtschaftstheorien, und zwar sowohl auf den marxistischen Sozialismus als auch auf Kapitalismus und freie Märkte. Besondere Aufmerksamkeit widmet er der absurden Idee von grenzenlosem Wachstum, dem Zinseszins und dem zunehmenden Warencharakter der Zeit – alles Phänomene, die heute von großer Aktualität sind.

In meiner Beschreibung klingt »Momo« jetzt natürlich wie ein knochentrockener Aufsatz zu ökonomischen Fragen. Aber glaubt mir: Das ist keineswegs der Fall. Gewiss, diese theoretischen Überlegungen finden sich in der Geschichte wieder – als exzellente und komplexe Gedanken –, doch verpackt in einer bezaubernden, durch und durch fesselnden Geschichte. Es ist ein Vermächtnis des Autors, dessen Talent ein solches Werk möglich machte. Und es ist ein geniales Beispiel dafür, dass Philip Pullman sich nicht täuschte, als er in seiner berühmte Rede anlässlich der Verleihung der Carnegie-Medaille sagte: »Es gibt Themen und Sujets, die für die Erwachsenenliteratur zu groß sind. Mit ihnen kann man sich adäquat nur in einem Kinderbuch auseinandersetzen.«

Wichtig ist auch die Tatsache, dass Michael Ende »Momo« zwar vor vierzig Jahren schrieb, das Buch im Lauf der Zeit jedoch zunehmend relevanter wurde. Wenn ich mich heute in dieser ewig bewegten, fieberhaft präsenten Gegenwart umschaue, mit Instant Messaging und ständiger Online-Verbindung, glaube ich, dass längst nicht genug Menschen diesen großartigen Roman gelesen haben. Die buddhistischen Philosophen Linda Goodhew und David Loy erinnerten in ihrem Aufsatz zum Thema zu Recht daran. Sie schrieben: »Das faszinierende an ›Momo‹ ist unter anderem, dass das Buch 1973 erschien. Denn der Albtraum, den es schildert, ist heute unsere Realität.«