10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Iva Procházková - Eine Geschichte für Europa

Eine Geschichte für Europa – Was für eine Literatur brauchen Kinder und Jugendliche in Europa?

Beitrag von Iva Procházková ( Tschechien/Deutschland)

 

Kindern, Jugendlichen, aber auch Erwachsenen in Europa würde ich auf jeden Fall das Buch »Die Mauer« von Peter Sís zum Lesen, Nachempfinden und Nachdenken empfehlen.

Dieses kleine Werk erzählt – mehr in Bildern als in Worten – ein großes Stück unserer Geschichte. Ich sage unserer, weil ich genau wie Peter Sís hinter der Mauer aufgewachsen bin. Oder wie man damals sagte: hinter dem Eisernen Vorhang. Dieser war einerseits dicht und bombenfest, andererseits konnte man durch ihn doch ziemlich viel hören und sehen. Keine genauen Formen oder eindeutigen Informationen und klaren Klänge, nein, wir nahmen eher Abdrücke und Echos, kleine Scherben, unvollständige und deformierte Bausteine des Lebens »drüben« wahr.

»Wir haben nichts über den Westen gewusst, aber wir haben uns alles vorgestellt«, erzählt Peter Sís, »und zwar viel schöner, als es in Wirklichkeit war.«

Er erinnert sich an kleine, aber sehr wichtige Einzelheiten unseres damaligen Alltags, zum Beispiel an die Kleidung der Teenager. Das, was man in normalen Geschäften kaufen konnte, war untragbar, man musste es modifizieren – den Ausschnitt vergrößern, die Farbe ändern, den Rock kürzen, die Hosenbeine breiter machen. Wenn ein Mädchen nicht lächerlich sein wollte, musste es mit viel Fantasie und Geduld (und meistens mit der Hilfe von Oma) eigene Kleider und Mäntel nähen, Pullover stricken, sich BHs aus der Welt hinter dem Vorhang schicken lassen. Jungs dagegen klebten höhere Absätze unter ihre Schuhe und bastelten sich Sonnenbrillen und männlichen Schmuck. Sie machten zu Hause aus ihren akustischen Gitarren elektrische, spielten damit Musik der Beatles und Stones, sangen irgendwo im Hinterhof oder in einer Garage falsch abgehörte Texte – und oft wurden sie deswegen angezeigt und als »Verbreiter der kapitalistischen Propaganda« von der Stasi verhört.

Das Leben unter dem totalitären Regime war nicht farbenfroh und so sind auch die Zeichnungen im Buch meist grau-rot oder schwarz-weiß. Sie vermitteln Sehnsucht und Angst, zwei der in jener Zeit am häufigsten auftretenden Gefühle. Ein junger Mensch hinter der Mauer träumte viel, denn im Wachzustand war die Welt hässlich, eng und gefährlich. Unsere Träume waren allerdings auch gefährlich, weil sie uns die Realität noch fremder und verhasster machten. Der immer anwesende Traum von uns allen hieß Freiheit, aber wie sah diese Freiheit aus? Für den einen war sie Coca-Cola, Bluejeans und fetzige Rockkonzerte, ein anderer verband Freiheit mit dem Reisen, wieder ein anderer mit der Möglichkeit, frei zu sprechen, zu lesen, nach eigener Wahl zu studieren, zu denken und zu glauben.

»Die Mauer« ist ein unterhaltsames, kreatives und humorvolles Buch über ernste, traurige und in mancher Hinsicht sogar tragische Dinge. Ein Buch, das den jungen Europäern von heute vor Augen führt, wie es war, bevor sie zur Welt kamen, und wie es hinter vielen Mauern unserer Welt immer noch ist.