10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
Sie sind hier: Startseite / Kinder- und Jugendprogramm / Projekte / PROJEKT ! / Texte / Maria Parr -Eine Geschichte für Europa

Maria Parr -Eine Geschichte für Europa

A Story for Europe – What Literature do Children and Young People in Europe Need?

Beitrag von Maria Parr (Norwegen)

 

 

Welche Literatur braucht ein Kind? Und ich frage ganz offen und ehrlich: Braucht ein Kind wirklich Literatur? Ich habe diese Frage oftmals hin und her gewälzt – schließlich geht es ja um das, womit ich mich in meinem Leben beschäftige. Und ganz gleich, wie ich es auch drehe und wende: Ich glaube nicht, dass ein Kind Literatur wirklich braucht. Ein Kind braucht Liebe, Sicherheit, Luft, Essen, Sprache, Freunde. Es kann ein toller Mensch aus ihm werden, ohne jemals ein einziges belletristisches Buch gelesen zu haben. Aber es gibt etwas anderes, das ein Kind braucht, etwas Ähnliches: Kinder brauchen Geschichten. Geschichten darüber, wer sie sind, und über die Welt um sie herum. Geschichten, in denen sie spielen können, Geschichten, um in ihnen zu träumen, und Geschichten, in denen sie wachsen können. Um ein Kind herum sollte die Luft ganz schwer und erfüllt von Geschichten sein. Geschichten, die die Erwachsenen erzählen, Geschichten, die andere Kinder erzählen, Geschichten, die die Kinder selbst erdichten, Geschichten, die man in einem Film sieht, oder, und hier kommt es: Geschichten, die man in einem Buch liest. Ich erfinde Geschichten und am allerliebsten erzähle ich sie – doch damit kann ich nicht wirklich viele Kinder erreichen! Wie schön ist es da doch, dass ich meine Geschichten in einem Buch niederschreiben kann! Wie schön ist es doch, dass alle Schriftsteller ihre Geschichten aufschreiben können, damit Kinder, die sie nie persönlich kennenlernen werden, sie trotzdem hören und sich auf ihre ganz eigene Art in sie hineinversetzen können.

 

»Ronja Räubertochter«

 

Ich glaube, dieses Buch hat mich geprägt. Zumindest hat es meine Träume geprägt. Ich wollte wie Ronja sein. Ebenso stark, stur und lieb. Wenn man sich vorstellt, zwölf Räuber um sich zu haben, die einem nie genug Aufmerksamkeit schenken können, wenn man sich vorstellt, einen ganzen riesigen Wald zu besitzen und in ihm die Königin zu sein, und wenn man sich vorstellt, Birk kennenzulernen … Und später habe ich außerdem gespürt, wie wichtig es ist, dass Ronja ein Mädchen war. Wäre sie ein Junge gewesen, dann hätte ich wohl trotzdem wie sie sein wollen – aber dass sie ein Mädchen war und genau so, wie sie war, das sprengte alle Grenzen für das, was möglich und normal war. Danke, Ronja!

 

Übersetzung: Christel Hildebrandt