10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Maria Papayanni - Eine Geschichte für Europa

Eine Geschichte für Europa – Welche Kinder- und Jugendliteratur braucht Europa?

Beitrag von Maria Papayanni (Griechenland)

 

 

In meinem kleinen Land habe ich ein winziges Dorf entdeckt, das auf keiner Landkarte zu finden ist. Ich fahre oft dorthin, um auf das Libysche Meer zu blicken und hinauf zu den Asteroussia, den Bergen, die bis zu den Sternen reichen. An diesem Ort leben Adler, die nur das Mark fressen, das sie sorgfältig aus den Knochen ihrer Opfer saugen. Es ist ein kleiner Ort, durch den keine Straße führt, die einen woandershin bringen würde. Die Menschen holen alles, was sie brauchen, aus ihren Gärten, sie nutzen ihre Tiere und sie nehmen sich auch, was das Leben köstlich macht: das Salz aus den Felsen am Meer und den Honig, ein Geschenk der Bienen, die gierig den Thymian abernten, der in dieser Gegend reichlich vorkommt. Die Menschen hier sind nie gereist, aber sie kennen Geschichten über jeden Stein an ihrem Ort. Als ob ihre Augen nicht vergessen hätten, als ob sie nicht müde geworden wären und mehr Dinge sehen und hören könnten als andere. Mich beeindruckt immer ihre Würde angesichts der Mittellosigkeit, des Schmerzes und der Freude. Und auf der anderen Seite die Leidenschaft in ihren Liedern und Tänzen. Das Einzige, was ich nicht verstehe, ist, warum ihnen das Reisen so gleichgültig ist. Für sie spielt sich alles hier ab. Dieser kleine Ort ist ein Sandkorn im großen Europa. Und auch hier leben junge Europäer, die jeden Tag Kilometer zurücklegen, um zur Schule zu kommen.

Auf der anderen Seite wachsen bei mir zu Hause in Athen zwei Jugendliche auf, die davon träumen, zu studieren und durch die Welt zu reisen, die zur Schule gehen, ins Theater, in Museen, in Konzerte, in Bars. Sie und ihre Freunde sind auch Europäer mit den gleichen Rechten, hoffe ich, wie die Kinder und Jugendlichen, die in dem abgeschiedenen Dorf auf Kreta leben, aber auch wie die, die in den großen Städten Europas aufwachsen. Es sind alles Kinder. Kleine Teile einer großen Familie. Sie müssen lernen, dieselbe Welt zu teilen und sich umeinander zu kümmern.

 

All diese Jugendlichen treffen sich heute und tummeln sich gemeinsam im Internet-Paradies.

Eine glückliche Zeit der Informationsüberflutung, in der der Computer alles ist. Spiel, Information, Wissen. Es ist aber nichts in sich Abgeschlossenes mit Anfang, Mitte und Schluss wie ein Buch, eine Aufführung oder ein Film. Wie soll man also mit den Kindern und Jugendlichen sprechen, die rasant über die Oberfläche des Meeres surfen?

 

Wie soll man den Faden der Ariadne aufnehmen, wie soll man die Ungerechtigkeiten beschwören, die sie im Labyrinth des Minotaurus umzingeln? Denn in unserer Zeit sehen und lernen die Kinder, egal wo sie aufwachsen, nunmehr schnell, dass die Welt voll ist von grundlosen Kriegen, von sinnloser Gewalt, sozialer Ungerechtigkeit und dass am Ende nicht immer die Guten siegen. Und siehe da, in diesem Strudel des Alltäglichen kann das Reich des »Es war einmal« eine andere Form annehmen, aber doch fest und sicher bleiben wie die Windmühlen des Don Quichotte. Ist es vielleicht unsere Reaktion auf die moderne Barbarei? Ist es vielleicht unser Bedürfnis, unser Leben einfach zu leben wie die Einwohner eines alten Dorfes, die der Erde lauschen und die Bewegungen am Himmel beobachten? Ist es vielleicht unser Bedürfnis, ein neues Märchen zu träumen? Waren es nicht ohnehin die Mythen, die zu verschiedenen Zeiten im Lauf der Geschichte versuchten, das Unerklärliche zu erklären? Ist vielleicht auch unsere Zeit an genau diesem Punkt? An dem Punkt, wo wir einen modernen Mythos brauchen, der uns lehrt, aufeinander zu hören, auf die Erde zu hören, bevor wir sie endgültig zerstören und danach das Mark aussaugen wie die Adler auf Kreta?

Ich liebe Märchen, und wenn ich etwas von ihnen gelernt habe, dann ist es, dass am Ende der gewinnt, der sich mit allen Elementen anlegt, derjenige, der den finsteren Wald durchquert und der innehält und dem lauscht, was ihm der Drache, der Orangenbaum oder die runzelige Alte zu sagen haben. Wer in Eile ist, hört niemals den magischen Rat. Ist also vielleicht der Moment gekommen, aufeinander zu hören?

Als mein Sohn noch klein war, sind wir losgerannt, um vor dem Klingeln rechtzeitig zur Schule zu kommen. Plötzlich blieb mein Sohn stehen. »Ich habe etwas in den Bäumen gehört. Eine Eidechse hat verzweifelt um Hilfe gebeten.« Ich schaute ihn wütend an. Noch so ein Vorwand, um nicht zur Schule zu gehen. Da fing er an zu weinen. Ich drehte mich um und sah einen müden Baum inmitten einer großen Stadt. Aber das Kind sagte beharrlich: »Hör doch mal.« Und plötzlich fühlte ich mich so arm! Wie schwierig ist es doch für mich, im Tempo des Alltags den Schrei einer verzweifelten Eidechse zu hören. Wie reich war mein Sohn, der den Hilferuf hören konnte, der die Realität verwandeln konnte, um zu überleben. Wie reich sind die Kinder der ganzen Welt, bevor man ihre Fantasie beschneidet.

 

Was für ein Buch brauchen die Kinder Europas? Märchen, viele Märchen, um das Böse zu beschwören. Und dann verstreute Wörter aus Büchern, die ich als Kind geliebt habe, die mir jetzt wie gute Wünsche in den Sinn kommen. So wie der Ausspruch des großen griechischen Schriftstellers Nikos Kazantzakis: »Gelange so weit, wie du kannst, oder besser noch: so weit, wie du nicht kannst.« Und der Vers von Nikos Kavvadias, einem meiner Lieblingsdichter: »Tanze auf der Haifischflosse oder bedauere diejenigen, die nicht träumen.« Und über allem, hoch oben im Mast des sicher gebauten Schiffes, das durch ganz Europa fahren wird, ein blinder Märchenerzähler, der sagt:

»Von vielen Menschen sah er die Städte und lernte kennen ihre Sinnesart; viel auch erlitt er Schmerzen auf dem Meer in seinem Mute, bestrebt, sein Leben zu gewinnen wie auch die Heimkehr der Gefährten. Jedoch er rettete auch so nicht die Gefährten, so sehr er es begehrte. Selber nämlich, verdarben sie, die Toren, die die Rinder des Sohns der Höhe, Helios, verzehrten. Der aber nahm ihnen den Tag der Heimkehr.«*

 

Lerne also die ganze Welt kennen, werde aus Erfahrung klug … Jeder muss seine eigenen Fehler machen. Fang an. Flieg. Such nach dem Mark.

Und wenn du das Buch findest, das dir wirklich viel bedeutet und das du verschlingst, dann spürst du, dass du, wenn du dich ein bisschen auf die Zehenspitzen stellst, die Sterne berühren wirst.

 

* Auszug aus dem 1. Gesang der »Odyssee« von Homer, Übersetzung: Wolfgang Schadewaldt.

 

 

Übersetzung: Doris Wille