10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Uri Orlev - Eine Geschichte für Europa

Eine Geschichte für Europa – Welche Kinder- und Jugendliteratur braucht Europa?

Beitrag von Uri Orlev (Israel)

 

 

 

Zum Beispiel Harry Potter ... Ist das die Literatur, die diese Frage beantwortet? Wenn die Antwort »ja« lautet, was ist dann mit all den anderen wichtigen Veröffentlichungen, die trotzdem noch von Lesern der verschiedensten Altersgruppen gelesen werden? Die meisten gehören allerdings nicht zur Kategorie der Bestseller. Wenn die Frage mit »nein« beantwortet wird, warum wurde dieses Buch dann in so vielen Ländern zum Bestseller?

Was für ein Glück, dass dieses Buch geschrieben wurde, denn viele Jugendliche sind dahin zurückgekehrt, auch Bücher ohne Zauberer zu lesen!

 

Ich erinnere mich, wie ich als Kind gelesen habe. Die Themen, die in den Büchern behandelt wurden, haben mich zunächst überhaupt nicht interessiert. Wenn es mich anrührte, mich in Spannung versetzte, las ich noch unter der Zudecke mit der Taschenlampe weiter, nachdem meine Mutter das Licht ausgemacht hatte, das Buch grub sich in mein Herz ein. Später, als ich älter wurde, kam plötzlich das Thema hinzu, zum Beispiel die Sklaverei in Amerika. Plötzlich erinnerte ich mich an »Onkel Toms Hütte«.

 

Wenn ich überlege, welche von meinen eigenen Büchern auch in anderen Ländern Erfolg haben, denke ich, dass das Thema tatsächlich eine gewisse Bedeutung hat. Ich habe ein Buch geschrieben, das schon seit dreißig Jahren existiert, das heißt eine ganze Generation. Es ist »Die Insel in der Vogelstraße«, eine Robinsonade, die zur Zeit der Schoah spielt. Übrigens war zu meinem Erstaunen einer der ersten Preise, die dieses Buch bekam, der Edgar Allen Poe Award für Kriminalliteratur. 1985! Und ich hatte gedacht, ich habe ein Buch geschrieben, das von einem Jungen in der Zeit der Schoah handelt.

Unter meinen Büchern gibt es eines mit Versen für Kinder. Dieses Buch erzählt von einer einsamen Großmutter, die beschließt, sich ihre Umwelt zu stricken. Dazu auch noch zwei Enkelkinder. Dann muss sie sich den Problemen stellen, die ihr daraus entstehen. Lehrer weigern sich, die Kinder in der Schule aufzunehmen. Das Erziehungsministerium bestätigt diese Entscheidung, weil die Kinder nur »ein paar Fäden und ein paar Löcher« sind. Gestrickte Kinder nimmt man nicht auf, man unterrichtet sie nicht, man erzieht sie nicht.

Als ich auf einem Literaturfestival in Mexiko war, kam ein Lehrer mit indigenen Gesichtszügen zu mir und bedankte sich für dieses Buch. Er sagte: »Die Kinder in unseren indianischen Dörfern identifizieren sich sehr mit den gestrickten Kindern, weil sie ebenfalls anders sind und ausgegrenzt werden.« Dabei habe ich einfach eine Geschichte für Kinder geschrieben. Das beweist die Wahrheit der Aussage: »Die Bedeutung liegt im Auge des Betrachters.« Man schreibt ein Buch und weiß nicht, wohin es die Leser führt und welche Bedürfnisse, Sehnsüchte und Träume er damit verbindet.

Dieses Buch war auch in Indien sehr erfolgreich und wurde in verschiedene indische Sprachen übersetzt. In Israel gibt es Lehrer, die dieses Buch mit dem Schicksal der Juden zur Zeit des Holocaust verbinden, obwohl ich das nicht im Geringsten beabsichtigt habe.

 

Es gibt Bücher, aus denen jugendliche Leser Regeln für ihr weiteres Leben ziehen. Ich weiß nicht, ob diese Bücher dafür geschrieben wurden, es ist möglich, vielleicht unbewusst; wenn es eine gute und spannende Geschichte ist, schenken sie dem jungen Leser jedenfalls etwas fürs Leben.

Zum Beispiel ein besonderes Verhältnis zu Tieren.

 

Zwei Bücher habe ich als Kind sehr gern gelesen, eines war »Ciondolino« (dt. »Max Butziwackel der Ameisenkaiser«) von dem italienischen Autor Luigi Bertelli (1858–1920). Ein Junge, der keine Hausaufgaben machen will, betrachtet Ameisen, die vor ihm über den Boden krabbeln, und sagt sich: »Ich wünschte, ich wäre eine Ameise. Dann könnte ich den ganzen Tag spazieren gehen ...« Und plötzlich verwandelt er sich in eine Ameise. Die Erzählung basiert auf der Geschichte Napoleon Bonapartes, auch Ciondolino wird schließlich Befehlshaber im Dienst der großen Ameisenarmee, und auch sein Ende ... Gut, vielleicht gibt es dieses Buch noch und ihr könnt es selbst lesen. Jedenfalls bemühe ich mich seither, keinen kleinen Tieren zu schaden, sogar den allerkleinsten nicht (außer Schnaken, und während des Kriegs zögerte ich nicht, Flöhe, Läuse und Wanzen umzubringen).

Das zweite Buch, das ich immer wieder las, war für Erwachsene geschrieben worden. Es heißt »Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde« und stammt von dem österreichischen Autor Felix Salten (1869–1945). Ich meine das ursprüngliche Buch, das ganze, nicht die bearbeitete Fassung von Walt Disney.

Ich tat meiner Mutter den Gefallen und fing an, es zu lesen, und wieder konnte ich mich nicht losreißen, bis es eines meiner Lieblingsbücher geworden war. Ich las es viele Male und allmählich fing ich an zu glauben, es handle von meinem ganz persönlichen Schicksal. Die große Jagd wurde für mich der Krieg, der um uns herum herrschte, das, was man heute den Holocaust oder die Schoah nennt. Meine Mutter und ich waren wie Bambi und seine Mutter. Als wir die von Jägern umstellte Lichtung überquerten, wurde meine Mutter getötet, wie Bambis Mutter. Auch ich wurde von einer Tante angenommen, aber Bambi wurde nicht von seiner Tante allein, nur mit einem kleinen Bruder, am Ende des Kriegs nach Palästina geschickt. Es gibt noch andere Unterschiede. Zum Beispiel hatte Bambi einen Vater, der ihn fand und ihm in der Katastrophe zur Seite stand. Einen solchen Vater habe ich nicht gefunden.

Bis heute hasse ich Jäger, die als Hobby Tiere töten. Ich verabscheue die Schlösser von Adeligen, deren Wände mit den prächtigen Geweihen ihrer Opfer oder mit den Fellen von Löwen und Tigern geschmückt sind, mit schrecklichen Glasaugen. Heute verachte ich besonders die modernen Jäger mit den tollen Waffen des 21. Jahrhunderts, mit teleskopischen Zielfernrohren ... Hingegen schätze ich die »Jäger«, die sich mit hervorragenden Fotoapparaten bewaffnen, mit Teleskopen aus unserem Jahrhundert, und uns die wunderbare Welt der Natur zeigen, ohne sie zu verletzen. In einer längst vergangenen Zeit waren wir tatsächlich Jäger, wir jagten Fleisch, um unsere Familie und die Stammesangehörigen zu ernähren. Dieser Jäger lebt offenbar bis heute in uns weiter, obwohl in unseren Tiefkühltruhen Fleisch aus dem Supermarkt liegt – auch das, nachdem man Tiere geschlachtet hat, die speziell dafür aufgezogen wurden, bis man eines Tages vielleicht Fleisch erzeugen können wird, ohne dass man dazu Lebewesen töten muss. Das wünsche ich mir besonders wegen der Wale. Diese riesigen Tiere, die ihre Lieder in die Weiten singen, um mit ihren Artgenossen in Kontakt zu treten.

 

Junge Menschen in Europa brauchen Bücher, die das Herz ergreifen, die spannend, interessant, klug und nicht didaktisch sind.

 

Übersetzung: Mirjam Pressler

 

Ausschnitt aus dem Vortrag »Bücher als kindliches Lebensmittel«, den ich auf dem

Festival gehalten habe.