10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Salah Naoura - Eine Geschichte für Europa

Eine Geschichte für Europa – Welche Kinder- und Jugendliteratur braucht Europa?

Beitrag von Salah Naoura (Deutschland)

 

 

Kinder statt Konsumenten!

 

Zeitgemäße Kinderliteratur für Europa, wie könnte oder sollte sie aussehen? Und was ist zeitgemäß? Wir leben in einer globalisierten Welt, in der die Märkte das Sagen haben. Riskante Casinospiele an den Börsen und milliardenschwere Bankenrettungen bestimmen die Lebenswirklichkeit der Menschen in Europa. Damit einher gehen Verarmung, sozialer Abstieg oder die permanente Angst davor. Der einzelne Mensch mit seinen ihm eigenen Fähigkeiten, Wünschen, Träumen zählt immer weniger. Europäer sein bedeutet in erster Linie: mobil, flexibel und ständig erreichbar zu sein – sprich, dem Markt zur Verfügung zu stehen und seine Anforderungen zu erfüllen. Familien packen ihre Koffer und ziehen der Arbeit hinterher. Väter verlieren ihren Job, deutsche Mütter sollen, statt arbeiten zu wollen, lieber für Betreuungsgeld zu Hause bleiben und Omas »sichere« Altersvorsorge hat die Versicherung versehentlich verzockt ...

Eine realistische Kinderliteratur – sofern man denn realistisch schreiben will – müsste diese Lebenswirklichkeit abbilden und erzählen, wie Kinder mit ihr umgehen. Kinder müssen sich arrangieren mit der Erwachsenenwelt, ihnen bleibt gar nichts anderes übrig. Sie erleben den Druck, unter dem Erwachsene stehen, hautnah mit und entwickeln ihre eigenen Strategien, sich zu verweigern, anzupassen oder Denkmuster und Verhaltensweisen zu übernehmen. Individualität und Verweigerung sind anstrengend, sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft – aber der Druck, sich anzupassen, ist es ebenfalls und gehört an deutschen Schulen zum Alltag. Der Markt regiert auch dort: Schuhe, Kleider, Smartphones ... Wer »in« sein will, braucht das Beste (und meist Teuerste), ansonsten drohen ihm Ausgrenzung und Mobbing.

Mein Anliegen: Nehmt den Kindern (und damit den Erwachsenen von morgen), wo es irgend geht, den Druck. Was nur funktionieren kann mit einem starken Selbstbewusstsein, dem Wissen um das Recht auf eine eigene Meinung, auf Kritik oder sogar Verweigerung. Deswegen wünsche ich mir in zeitgemäßer europäischer Kinderliteratur Figuren, die auch mal ausscheren, Freigeister, die sich trauen, zu träumen und Visionen zu haben – unerlässlich für eine Gesellschaft, die Dinge zum Positiven verändern will. Exemplarisch dafür: der zehnjährige Moon in »Alabama Moon« von Watt Key, ein Kind, das mit seinem Aussteiger-Vater als Selbstversorger im Wald aufgewachsen ist und nach dem Tod des Vaters seinen Platz in der Gesellschaft finden muss – allerdings ohne sich verbiegen zu lassen und Unabhängigkeit und Freigeist dabei aufzugeben. Weil Moon seine eigenen Bedürfnisse kennt, ernst nimmt und verteidigt, ist er auch fähig zu Empathie und kümmert sich liebevoll um einen kranken Freund. Andererseits merkt er mit der Zeit, dass der Vater die Unabhängigkeit glorifiziert und übertrieben hat und der Mensch Gemeinschaft braucht.

Wer sich ein offenes, tolerantes Europa wünscht, darf nicht nur nach den Gemeinsamkeiten schielen, sondern muss zugleich auch das Recht auf Eigenständigkeit fördern und fordern. Denn nur wer sich seine eigenen Bedürfnisse zugesteht, gönnt anderen dasselbe. Erst so können Respekt und Toleranz entstehen. Und Neugierde auf das Miteinander von Menschen verschiedenster Couleur.

Der Markt geht indes andere Wege und zielt auf die Gleichschaltung der Bedürfnisse aller, auf den kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner, um den größtmöglichen Profit zu erzielen. Aber ist es eine Errungenschaft, wenn in jeder europäischen Großstadt dieselben Ladenketten das Straßenbild beherrschen, dieselben Markenkleider getragen werden und dieselben Statussymbole ihre Gültigkeit haben?

Profitgierige Castingshows machen unseren Kindern und Jugendlichen weis, ihre Zukunft läge im Gewinnen eines Wettbewerbs, in dessen Verlauf sie dazu angehalten werden, Mitbewerber eiskalt zu denunzieren und unhinterfragt genau das zu tun, was eine Jury ihnen abverlangt. Die Anforderungen der Märkte degradieren Kinder zu Produkten und deren Konsumenten. Doch das ist mit Sicherheit nicht das, was in Europa zu mehr Glück, Frieden und Freiheit führen wird. Im Gegenteil, der Markt spaltet die Gesellschaft.

Gestehen wir Kindern – und ihren literarischen Vorbildern – also mehr Unangepasstheit zu! Lassen wir zu, dass sie unbequem sind, eigene Wege gehen und sich von den Heilsversprechen der Marktstrategen nicht so schnell verführen lassen. Nur so schaffen wir in Europa eine Kultur der Toleranz und des Bemühens um Freiheit und Gerechtigkeit.