10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Nils Mohl - Eine Geschichte für Europa

Eine Geschichte für Europa – Welche Kinder- und Jugendliteratur braucht Europa?

Beitrag von Nils Mohl (Deutschland)

 

 

Es gibt gar keine Jugendliteratur

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* Literatur wird immer von Erwachsenen geschrieben. Und für Heranwachsende ist das Jungsein im Grunde ohnehin kein Thema.

** Gebraucht wird Literatur, die nicht erklären muss, dass sie gebraucht wird. Gebraucht wird eine Literatur, die den Nichtlesern (und den Viellesern) das unerfreuliche Gefühl beschert, gegenüber den Lesern im Hintertreffen zu liegen. Gebraucht wird heute – wie zu allen Zeiten – eine Literatur, die unsere Ansprüche an die Literatur hochhält und im besten Fall noch ein Stück hebt.

*** Literatur konstruiert Welt. Literatur formt auf diese Weise unser Bild vom Menschen und unser aller Zusammenleben mit. In anderen Worten: In ihr manifestieren sich Vorstellungen von Ästhetik und Moral. Und weil Literatur außerdem immer auch als die Summe aller Literatur betrachtet werden kann, als große Erzählung, die fort- und fortgeschrieben wird, lässt sich an ihr ablesen, wo wir aktuell stehen. Innerhalb dieser großen Erzählung beginnt gerade die dritte Welle der Moderne. Nachdem Gott für tot erklärt worden war, brachte die erste Welle den Schock des Ichs darüber zum Ausdruck und setzte einen ästhetischen Neuerungsprozess in Gang. (Klassische Moderne.) Mit der zweiten Welle folgte formal eine Flucht ins fröhliche Spiel, auf Metaebenen, ins Kunsthandwerkliche – und inhaltlich nicht selten in schale Ironie. Das Ableben Gottes war verdaut. Allen stand es frei, die Erfüllung in sich selbst zu finden. (Postmoderne.) Die dritte Welle der Moderne setzt das Projekt von klassischer Moderne und Postmoderne fort und wird neu prüfen müssen, welche Moral und welche Ästhetik den heutigen Komplexitäten angemessen ist. Steile These: Gott wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht auferstehen. Aber: Das überforderte Ich, das sich dem Hier und Jetzt stellen muss, beschäftigt womöglich doch noch einmal die Frage, was aus der Leiche wurde. Ganz frei von nostalgischen oder gar religiösen Motiven. Und was immer das am Ende genau bedeutet: Eine Literatur, die dieses Abenteuer in Angriff nimmt und inhaltlich ebenso unpeinlich zu bestehen wie dabei formal mutig voranzuschreiten weiß, kann nur gebraucht werden. Hier. Dort. Im Grunde überall.