10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Mariana Chiesa Mateos - Eine Geschichte für Europa

Eine Geschichte für Europa - Welche Kinder- und Jugendliteratur braucht Europa?

Beitrag von Mariana Chiesa Mateos (Italien/Argentinien)

 

 

Ich mag Bücher, die nicht unbedingt erklärte Kinder- oder Jugendbücher sind. Die einem weiter gefassten Genre angehören, dem der Bücher für alle. Mir sind Bücher lieber, deren Autoren es mehr um die Geschichte geht, die sie erzählen wollen, als darum, wer genau sie lesen wird.

Diese Sorge, an welches Publikum sich ein Buch richtet, ist eher den Interessen der Verlagsindustrie geschuldet, ihrem Kategorisierungskult und marktwirtschaftlichen Aspekten.

Ich halte so viele Autoren für fundamental und notwendig, dass es ungerecht wäre, einige davon zu erwähnen, andere nicht, zumal es glücklicherweise immer wundervolle grundlegende Bücher geben wird, die ich noch nicht gelesen habe und vielleicht auch nie lesen werde und folglich auch nie empfehlen werden kann.

In den Jahren, in denen die Grundlagen für meine zukünftigen Lebensentscheidungen gelegt wurden, gaben mir meine Mutter und meine Großmutter die Bücher zu lesen, die sie einmal selbst gelesen hatten, und mit diesen Büchern ließen sie mich an ihrer Kindheit teilhaben, übergaben mir ein Vermächtnis.

Eine Art imaginäres Dreieck unter den europäischen Werken bildeten (in der Reihenfolge der Lektüre) zunächst »Die kleine Meerjungfrau« von Hans Christian Andersen, dann »Der kleine Prinz« von Antoine de Saint-Exupéry und schließlich »Das Tagebuch der Anne Frank«.

 

Während der Militärdiktatur in Argentinien sind sogar Lieder und Bücher verboten, ja komplette Auflagen von Büchern beschlagnahmt worden, um diese aus dem Verkehr zu ziehen.

Das »Tagebuch der Anne Frank« las ich im angeblichen Schutz meines Zimmers zu Hause, während abends die Sirenen ertönten, die den Beginn der Ausgangssperre bekannt gaben, und später die Schüsse, die Schreie, das Schluchzen.

Noch war ich jung genug, um von gewissen Dingen unberührt zu bleiben, die mir die Erwachsenen noch nicht erklärt hatten. Und gleichzeitig alt genug, um allmählich zu verstehen.

Ich war genauso alt wie Anne Frank, als diese ihr Tagebuch begann. Und nur wenige Jahre später begann ich mein eigenes.

Mein Bedürfnis, bestimmte Dinge zu erfahren, war übergroß, und während ich das »Tagebuch von Anne Frank« las, begann ich Antworten zu finden und neue Fragen zu stellen. Fragen über eine Welt, die alles andere als ein freundlicher Ort war und in der etwas passieren musste, damit sich das änderte.

Vor allem aber baute mir die Lektüre der Tagebücher eine Brücke zu diesem anderen Menschen, zeitlich und räumlich so weit entfernt von mir.

Ich erlebte das, was ich las, als spräche Anne Frank zu mir. Hier und jetzt. Und sie sprach auch zu mir. Und ich wollte ihre Freundin sein.

Und sie bei mir in meinem Zimmer verstecken, wo niemand je nach ihr suchen würde.

Denn es war, als wohnte Anne bei mir um die Ecke.

Bis eines Nachts die Schüsse ganz nah waren. Sie kamen aus dem Haus um die Ecke. Und niemand konnte mehr schlafen, niemand ging vor die Tür. Es war uns auch verboten worden. Vom Militär und von der Polizei.

Am nächsten Morgen war da niemand mehr in dem geschändeten Haus.

Wer weiß, dachte ich, womöglich wohnte dort Anne/Ana.

An dem Morgen herrschte nichts als Bestürzung, Wut und Ohnmacht. Und ich spürte, dass ich nun kein Kind mehr war.

Und seitdem sind die Wörter Subversion, Terror, Untergrund und Repression eins in meinem Kopf.

 

Manchmal stelle ich mir Europa wie eine liebenswürdige alte Frau mit ersten Anzeichen von Senilität vor: vergesslich und ein wenig verloren. Sie erkennt sich nicht wieder in den anderen, hat Angst vor Fremden. Befürchtet, man wolle ihr etwas wegnehmen …

 

Keine zukünftige Gesellschaft kann, noch sollte sie ohne Erinnerung aufgebaut werden. Ohne Erinnerung kehrt die Vergangenheit wieder und droht mit neuen Formen von Diskriminierung und Rassenhass.

 

Es ist schön, wenn Geschichten gut ausgehen, vor allem aber sollten sie uns Wege der Menschenliebe aufzeigen, Brücken der Toleranz, Pfade des Respekts und Fenster der Freude, mit der Abenteuerlust, der Fantasie und dem Wissen, wie man sie in den schönsten Büchern findet, die noch zu lesen, anzusehen und zu realisieren sind.

Solche Bücher halte ich für notwendig.

Bücher, die für Freiheit einstehen, für Gerechtigkeit, für Toleranz und für die Liebe in ihren unterschiedlichsten Formen, Liebe zu anderen Menschen sowie zur Erde und zu den Ozeanen, die uns am Leben erhalten.

 

Übersetzung: Hanna Grzimek