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Gerald Jatzek - Eine Geschichte für Europa

Eine Geschichte für Europa - Welche Kinder- und Jugendliteratur braucht Europa?

Beitrag von Gerald Jatzek (Österreich)

 

 

Hey diddle diddle: Zur Modernität der Kinderlyrik

1.

Am Anfang war das Wort und es wurde gesprochen. Mit der Erfindung der Schrift kam es in Verruf. Die schreiben konnten sahen auf jene hinab, die weiterhin nur sprachen, und schufen die Begriffe, die dieses Verhältnis verfestigten: Schriftsprache und Mundart, Hochsprache und Dialekt.

2.

In drei Bereichen der Literatur sind orale Traditionen noch immer lebendig: in der Kinderlyrik, im Chanson und im Volkstheater.

Alle drei sind den Lordsiegelbewahrern der Literatur mit Misstrauen suspekt. Sie gelten als überholt und künstlerisch zweitrangig. Daran konnten auch Lewis Carroll, Bob Dylan und Dario Fo nichts ändern.

Die Kritik, stets um ein wenig mehr an akademischer Reputation bemüht, übernimmt dieses Urteil. Volks- und Wanderbühnen sind ein Thema für die Chronik, Chansons werden vom Popredakteur flapsig abgefertigt. Und die seltenen Besprechungen von Kindergedichten befassen sich zumeist mit didaktischen und pädagogischen Anliegen.

3.

Worum man sich nicht kümmert, das verkümmert. Dementsprechend erscheinen massenhaft Bilderbücher, die linksbündigen Flattersatz als Gedichte ausgeben, nur weil an den Zeilenenden paarweise ähnliche Silben auftauchen. Neben und unter oft aufwendigen Illustrationen stolpern Texte voll von Bildbrüchen und missglückten Metaphern dahin. Die Bände werden dank der grafischen Gestaltung verkauft und ziehen die nächsten lyrischen Grausamkeiten nach sich.

4.

Am Anfang war das Wort, gesprochen, gesungen auch, rhythmisch und melodisch gestaltet durch Verfahren wie Reim und Vers, Wiederholung und Gegensatz, auf dass es aus dem Gedächtnis abrufbar sei, um weitergegeben zu werden.

Mehr als ein Jahrtausend lang haben unzählige Generationen ihre Stellung in Natur und Gesellschaft mit Epen, Oden, Balladen, Liedern festgelegt, aber auch verändert. Während die vergleichsweise junge schriftliche Aufzeichnung den Text – für Wissenschaft und Recht unabdingbar – fixiert, gehören Varianten und Adaptionen (Parodien eingeschlossen) zum Wesen der oralen Literatur.

Als Beispiel seien die britischen Nursery Rhymes genannt, die zwar 1744 erstmals als Sammlung gedruckt wurden, aber bis heute vor allem durch Vorsprechen, Vorlesen, Singen weitergegeben werden.

Der Grund für den Erfolg ist klar: Gedichte wie Hey diddle diddle und I knew an old lady who swallowed a fly eröffnen eine Welt des Un-Sinns, in der Klang über Logik triumphiert, einen Freiraum, in dem starre Regeln aufgehoben sind und die Fantasie alles bewirken kann.

5.

Kinder verhandeln die Wirklichkeit ebenso wie die Literatur. Wer ihnen eine Geschichte erzählt, muss damit rechnen, dass sie Änderungen der Handlung fordern, Personen eliminieren oder hineinreklamieren.

In der Gruppe adaptieren sie Lieder und Auszählreime, indem sie Namen, Orte und Eigenschaften ändern. Alleine im versunkenen Spiel schlüpfen sie in Figuren, betreten fantastische Landschaften und schweben auf Melodien, von außen erkennbar an gemurmelten, halb laut gesungenen Variationen. In beiden Fällen ist das Ziel, einen Text den eigenen Lebensumständen anzupassen, bis er als wahr empfunden wird.

6.

Der Computer hat dem literarischen Werk seine Endgültigkeit genommen. Es ist veränderbar geworden. Digital gespeicherte Texte lassen sich nicht nur beliebig bearbeiten, sie sind nur einen Klick von ihrem multimedialen Einsatz entfernt. Wenn Ton, Bild, Film und geschriebenes Wort gesampelt, gefiltert und neu kombiniert werden, ist das ein Spiel, das nie zuvor möglich war.

Das ideale Ausgangsmaterial dafür ist, wenig überraschend, die orale Literatur, war sie doch interaktiv, lange bevor der erste Medientheoretiker auf Erden wandelte.

7.

Das Buch ist nach wie vor der wichtigste Container von Literatur und wird es wohl noch eine Zeit lang bleiben. Daher muss man auf der Suche nach Texten, die sich für den mündlichen Vortrag eignen, nicht in verlassene Seitentäler klettern, um Hirten und Sennerinnen zu lauschen (obwohl das durchaus seinen Reiz hat). Ein Besuch in der Bibliothek genügt, schließlich liegen die Gedichte von Edward Lear und Federico García Lorca, von Christian Morgenstern und Ernst Jandl gedruckt vor.

8.

Bei diesen beispielhaft erwähnten vieren findet sich alles, was man Europas Kindern wünschen kann: Lyrik, die aus den vielfältig verwobenen Traditionen des Kontinents entsteht; Lyrik, die kreativ mit Formen spielt, die Knittelvers und Ghasel, Haiku und Rondeau nutzt und verändert; Lyrik, die sprachmächtig Bilder schafft, in die der Leser eintritt, um sie mit seinen eigenen Erfahrungen zu füllen.

Davon braucht es mehr, wenn man das Feld nicht den Fließbandreimern der Kaufhausbilderbücher überlassen will.

9.

Wie man das erreichen kann, weiß ich nicht. Ein europäisches Festival der Kinderlyrik wäre ein Ansatz. Viel wichtiger wäre eine Stätte der Begegnung, in der Texte übersetzt, nachgedichtet, vertont, dramatisiert werden, in der Autoren Verfahrensweisen besprechen, Musiker den Melodien der Sprachen des Kontinents folgen, Wissenschaftler und Kritiker die ästhetische und inhaltliche Vielfalt der Kinderlyrik kennenlernen können.

10.

Weshalb das wichtig ist? Wer weiß, dass sich die Sprache verändern lässt, versucht das vielleicht auch mit der Welt.