10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa

Patrick Ness


PATRICK NESS: »JEDES ALTER, IN DEM ICH JE WAR« (»EVERY AGE I EVER WAS«)

ERÖFFNUNGSREDE DER ILB-SEKTION INTERNATIONALE KINDER- UND JUGENDLITERATUR


Die Rede wurde von Patrick Ness am 10. September 2014 um 9.30 Uhr auf der Großen Bühne im Haus der Berliner Festspiele in englischer Sprache gehalten.

Übersetzung aus dem Englischen: Sophie Zeitz.

 

Videomitschnitt der Rede


Einführung

Als ich acht Jahre alt war, sagte man mir, dass ich im selben Jahr sterben würde.

Ich wuchs in dem kleinen Ort Puyallup in Washington auf, etwa fünfzig Kilometer südlich von Seattle. Obwohl mein Heimatstaat einer der aufgeklärtesten und fortschrittlichsten der USA ist – wir haben für die Legalisierung von Marihuana und der gleichgeschlechtliche Ehe gestimmt , ist Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und in Puyallup hatten – und haben bis heute – mehrere evangelikale Megakirchen ihren Sitz.

Meine Familie gehörte zur Puyallup Nazarene Church, einer bibeltreuen Pfingstler-Gemeinde, und am 31. Dezember 1979 besuchten wir um Mitternacht die Neujahrsmesse.

In seiner Predigt verkündete der Pfarrer, er glaube von Herzen, 1980 sei das Jahr, in dem der Herr auf die Erde zurückkomme. Dass uns die Entrückung bevorstehe und die Endzeit beginne. Noch bevor das anbrechende Jahr zu Ende ginge, würden wir alle in den ewigen Himmel gerufen oder unter dem Stiefel des Antichristen sterben.

Und das … ist ein Riesenmist. Es gibt daran nichts zu beschönigen oder zu erklären, ich möchte nur eins sagen, und das ist mir wichtig: Zu dieser Kirche gehörten einige herzensgute, liebe Menschen, die ich zum Teil heute noch kenne und schätze. Ich habe heute Abend nicht vor, irgendwen schlechtzumachen, wirklich nicht.

Trotzdem. Ich war ein achtjähriger Junge. Ich war erst vor zwei Monaten acht geworden, was deswegen entscheidend ist, weil in unserer Kirche das offizielle Alter der moralischen Verantwortlichkeit – also das Alter, ab dem man sich für die Taufe entscheiden kann – sieben ist. Wäre die Entrückung vorher gekommen, hätte ich nichts zu befürchten gehabt; ich wäre ein unschuldiges Kind gewesen und direkt in den Himmel aufgefahren.

Aber ich war acht und ganz allein für mein Seelenheil verantwortlich.

Und schon damals, schon mit acht, wusste ich, dass ich dieser Verantwortung nicht gewachsen war. In meinem kindlichen Kopf wusste ich, dass ich nicht gut genug war, dass ich nie gut genug sein würde für einen Gott, dessen Forderungen mir damals schon unberechenbar und eigensinnig vorkamen.

Ich erwarte hier kein Mitleid. Wir bekommen das Leben, das wir bekommen, und mein Leben war leichter als das Leben vieler anderer.

Aber ich erwarte Mitgefühl. Denn von einem bin ich überzeugt: Auch wenn ihr wahrscheinlich alle unter ganz anderen Bedingungen aufgewachsen seid als ich – ich glaube fest, dass ihr als Achtjährige ähnliche Gefühle hattet.

Mit acht wurde ich mit meiner Sterblichkeit konfrontiert. Und es wurde von mir erwartet, dass ich es verkrafte. Und ich habe es verkraftet.

 

Warum zum Teufel schreibt jemand Bücher für Kinder?

Der Titel dieser Rede lautet grob: »Warum zum Teufel schreibt jemand Bücher für junge Menschen?« Aber ich glaube, zuerst müssen wir fragen: »Wer sind junge Menschen?« und »Was ist Kindheit?«

Was ist Kindheit wirklich? Wir denken immer, Kindheit bedeutet die Freiheit von Verantwortung, den ganzen Tag Spaß, Trotzanfälle, einfach die allerschönste Zeit des Lebens.

Aber das glaube ich nicht. Diese Dinge gehören bestimmt dazu. Doch zur Kindheit gehört eben auch, dass wir mit acht gesagt bekommen, die Welt geht bald unter und die Chancen, dass wir es schaffen, stehen eher schlecht. Ich glaube, wir alle haben so etwas in der Art erlebt.

Ich habe eine Theorie, was unsere Persönlichkeit ausmacht. Oder besser, eine Metapher, mit der ich mir meine Persönlichkeit erkläre. Ich glaube, ich enthalte jedes Alter, in dem ich je war. Ich höre nie auf, acht zu sein oder 22, oder 17. Es ist alles noch da. Ich bin wie eine riesige Lagerhalle, in der jedes Erlebnis, das ich je hatte, aufbewahrt ist. Wer ich bin, wie es mir an einem bestimmten Tag geht, hängt davon ab, wo in dieser Lagerhalle ich gerade stehe und was ich gerade aus dem Regal geholt habe.

Wenn ich also für Teenager schreibe, schreibe ich nicht für ein verschwommenes »sie«. Ich schreibe für den Teenager, der ich selbst war, für den Teenager, der ich immer noch bin.

Ich schreibe für den Achtjährigen in Puyallup im Staat Washington, der sich fragt, wie er im Jahr 1980 sterben wird.

Eine Geschichte entsteht daraus, wer du bist und was dir wichtig ist. Und ich sehe diesen achtjährigen Jungen an Silvester und habe solches Mitgefühl mit ihm.

 Ich weiß, dass er es schafft, und ich weiß, dass die harten Zeiten vielleicht sogar wichtig sind, um die Person zu werden, die ich heute bin.

 Aber ich wünschte – wünschte von ganzem Herzen -, ich hätte ihm sagen können, dass er nicht allein ist.

Denn das ist eins der großartigen Dinge, die Bücher bewirken. Sie zeigen uns, dass wir nicht allein sind.

Der Unterschied ist, dass, als ich ein Teenager war, Bücher für junge Erwachsene noch nicht in dieser Form existierten. Ich hatte keine Bücher, die mir sagten, dass ich nicht allein war.

Ich war ein schwuler Teenager, aber ich war ein schwuler Teenager in den Jahren 1986, ’87, ’88. Damals gab es noch keine Bücher von Tim Federle, es gab noch keine Bücher von David Levithan. Und es war Jahre vor dem Internet, Jahre bevor es möglich wurde, andere Leute in der ganzen Welt zu finden, die vielleicht wussten, was ich durchmachte.

Es gab keine anderen schwulen Jungs an meiner Highschool, von denen ich wusste – und soweit ich weiß, hatte auch 25 Jahre später noch keiner sein Coming-out, was statistisch zwar unwahrscheinlich ist, aber Gott möge ihre verkappten konservativen Herzen segnen.

Und hier ist noch eine wahre Geschichte, von einem meiner besten Freunde an der Highschool – nennen wir ihn Craig, auch wenn das nicht sein richtiger Name ist. Wir waren ziemlich unterschiedlich, er war sportlich und in der Schülervertretung engagiert, aber wir hatten die gleichen Leistungskurse, und unsere Namen waren dicht beieinander im Alphabet, sodass wir jahrelang nebeneinandersaßen und gute Freunde wurden.

Als ich 17 war, erzählte mir ein gemeinsamer Freund, dass es dem fiktionalen Craig unangenehm war, mit mir ins Kino oder auf Partys oder sonst wie auszugehen, weil er Angst hatte, ich würde die Abende als Rendezvous verstehen.

Hier kurz zwei Fakten – er hätte damit nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein können, ganz ehrlich. Der fiktionale Craig hatte bestimmt seine Verehrer, aber ich gehörte nicht dazu. Ich verliebte mich in ganz andere Typen. Ich ging einfach nur gerne mit ihm aus, weil man sich zu zweit besser unterhalten kann. So ist es bis heute!

Das Zweite ist, der fiktionale Craig war und ist ein echt netter Kerl. Es war 1988/89. Die Welt war eine andere als heute. Ich hatte mich noch nicht geoutet, aber ich bin mir sicher, dass er einen Verdacht hatte, und abgesehen von der Tatsache, dass er wahrscheinlich eine Heidenangst hatte, mit mir in einen Topf geworfen zu werden, hatte er wahrscheinlich auch den fairen Wunsch, meine Gefühle nicht zu verletzen.

Was damals natürlich keine Rolle spielte. Die Sache war mir unglaublich peinlich, und ich schämte mich und hatte Angst vor dem, was andere Leute dachten, hatte Angst, dass mein gesamtes Teenager-Leben – das sowieso gefährlich auf der Kippe stand, wie mir voll bewusst war – ganz den Bach runtergehen würde.

Und ich hatte keine Menschenseele, mit der ich darüber reden konnte. Niemanden. Ich ahnte nicht, dass es irgendwo auf der Welt Leute gab, die vielleicht das Gleiche durchmachten wie ich.

Und, das ist ebenfalls wichtig, auch der fiktionale Craig hatte niemanden.

Ein Buch, irgendein Buch, das uns beiden hätte zeigen können, dass wir nicht allein waren, hätte unsere Welt verändert. Hätte die Welt verändert.

Was kann ein Buch? Uns zeigen, dass wir nicht allein sind.

 

Ich habe Glück

Ich habe Glück gehabt. Ich habe großes Glück gehabt. Ich habe es trotzdem überlebt. Das tun nicht alle.

Ich habe mich nicht umgebracht. Viele tun das. Ich habe nicht gegen meine Identität angekämpft – oder zumindest nicht sehr –, wie viele es tun und sich damit schaden.

Und mein größtes Glück war, dass ich die ganze Zeit geschrieben habe. Ich hatte niemanden, der mich unterstützte, keine Träume vom Durchbruch, keine Hoffnung, dass ich je ein Buch veröffentlichen würde.

Doch ich schrieb trotzdem weiter.

 

Und warum schreibe ich für junge Leute?

Manchmal frage ich mich, ob die Antwort wirklich so einfach ist - dass ich für den Jungen schreibe, der ich war, weil er jemanden brauchte, der ihm sagte, dass er nicht allein ist, und ich weiß, dass er immer noch da draußen ist.

Natürlich stimmt das nicht ganz, die richtige Antwort ist, ich schreibe, weil ich Schriftsteller bin. Ich schreibe aus dem gleichen Grund, warum Sänger singen und Maler malen. Die Welt hat mich nicht darum gebeten. Sie braucht bestimmt nicht noch einen Schriftsteller.

Und warum schreibe ich speziell für junge Leute? Ich weiß es nicht, außer dass das die Geschichten sind, die ich erzählen möchte.

Ich schreibe nicht als Missionar oder Lehrer, oder  Gott bewahre  als Erlöser. Ich kenne Schriftsteller, die das tun, und ich kann kein Wort von ihnen lesen.

Aber ein Teil von mir – meine Seele, mein Herz, mein Charakter, meine Schwächen, wer weiß? –, ein Teil von mir reagiert auf bestimmte Geschichten. Und ich glaube, ich reagiere – ich glaube, alle Künstler reagieren auf die Geschichten, die wir selbst gebraucht haben. Und immer noch brauchen.

Noch einmal, ich glaube, wir tragen all unsere Lebensstufen immer mit uns herum. Heute bin ich 42, aber ich bin auch 26 (was, offen gesagt, ätzend ist), und ich bin 19 und zum ersten Mal wirklich frei (was großartig ist), und ich bin 14, was grauenhaft war und fast immer körperlich schmerzhaft, und ich bin immer noch acht, und es ist immer noch Silvester, und ich werde immer noch sterben, bevor das nächste Jahr zu Ende ist ...

Aber ich bin nicht nur das. Denn das ist, was passiert, wenn wir heranwachsen. Wenn wir älter werden. Ich bin alle, die ich war, aber ich bin auch der Mann, der weiß, dass er all diese Altersstufen überlebt hat. Und so spricht in jeder Geschichte, die ich für 14-Jährige schreibe, auch der erwachsene Mann, der es geschafft hat und der weiß, dass ihr es auch schaffen könnt.

Trotz der Scham, trotz des Leids, trotz des Gefühls, jeder Tag könnte das Ende der Welt sein.

Ich schreibe nicht für junge Menschen. Ich versuche, für jeden zu schreiben, der mal ein junger Mensch war.

Warum also für junge Menschen schreiben? Tja, ich weiß es nicht, ich kann die Frage nicht beantworten. Ich kann mich nur selbst fragen und suchen und versuchen, eine Antwort zu erraten, die sich vielleicht noch verschiebt, verändert, wächst und trotzdem richtig bleibt.

Am Ende ist das vielleicht meine Antwort auf diese Frage:

Ein Buch, jedes Buch, ist ein Schrei in der Wüste. Ein Schrei, der sagt: Das ist die Welt, die ich erkenne, erkennst du sie auch?

Wenn wir Kinderbücher schreiben, stoßen wir diesen Schrei für die aus, die keine Stimme haben, und auch für den Teil in uns, der keine Stimme hat.

 Es ist kein verwundeter Schrei, doch er erkennt Wunden an.

 Es ist kein einsamer Schrei (im Gegenteil), doch es ist ein Schrei, der weiß, was Einsamkeit ist.

 Es ist kein zorniger Schrei, aber es ist ein Schrei, der Zorn kennt, nur zu gut.

In meinen Ohren ist es ein Schrei des Mitgefühls, der Empathie, und, ja, der Liebe. Kein bequemes Wort vielleicht, aber ein wahres.

Mit acht hatte ich keine Stimme, aber ich brauchte eine. Mit 17 hatte ich keine Stimme, aber ich brauchte eine. Mit 42 brauche ich immer noch eine Stimme, und jetzt habe ich eine.

Warum schreibe ich für junge Menschen? Ganz einfach. Weil ich selbst einer war. Und weil junge Menschen Geschichten brauchen, um die Welt zu verstehen, genauso dringend wie alle anderen auch. Geschichten, die ehrlich erzählt werden, Geschichten, die mit Mitgefühl erzählt werden, Geschichten, die anerkennen, dass wir alle Teil der großen Geschichte der Menschheit sind. Wir alle.

Es gibt nur uns. Es gibt nicht sie.

Vielen Dank.