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Mindesthöhe

Fokus Afrika

Das 8. internationale literaturfestival berlin möchte mit dem Fokus Afrika die jüngsten literarischen, aber auch politischen und sozialen Entwicklungen in den Ländern zwischen Mittelmeer und Kap der Guten Hoffnung präsentieren.

1. Talking and Writing Africa

Eine Auseinandersetzung mit Afrika, insbesondere den Literaturen Afrikas scheint in Deutschland nach wie vor einer eher exotischen denn ernsthaften und differenzierten Natur zu sein. Auch wenn der Literaturnobelpreis in den letzten zwanzig Jahren vier Mal an afrikanische Schriftsteller verliehen wurde (Wole Soyinka, Nagib Machfus, Nadine Gordimer, John M. Coetzee), hat es die moderne afrikanische Literatur schwer, außerhalb ihres Kontinents übersetzt, verlegt und gelesen zu werden.

Die afrikanische Literatur umfasst die mündlich und schriftlich überlieferte Literatur Afrikas. Neben der in afrikanischen Sprachen geschriebenen Literatur entstand ab dem 18. Jahrhundert eine Vielzahl von Werken in englischer, französischer und portugiesischer Sprache sowie in Afrikaans. Traditionell war Literatur in afrikanischen Sprachen mündlich überlieferte Erzählkultur, die in Kombination mit Musik, Tanz und Gesang vorgetragen wurde. Seit dem 20. Jahrhundert entstanden Lyrik, Dramen und Romane insbesondere auch in Auseinandersetzung mit der europäischen und amerikanischen Literatur. Einer Vielzahl afrikanischer Sprachen, deren Literarisierung vor allem von oraler Tradition gekennzeichnet ist, steht dabei der Gebrauch der Sprachen der Ex-Kolonialisten gegenüber. Die Emanzipation von diesen Sprachen mit ihren ideologischen Belastungen und die Chancen einer weltweiten literarischen Wahrnehmung bilden das Spannungsfeld der Entwicklung einer eigenen literarischen Sprache. So hat z. B. die „Négritude" der schwarzen Welt Eingang in die französische Literatur verschafft. Die modernen literarischen Werke versuchen, die Kolonialgeschichte und -kriege sowie die Enttäuschungen der nachkolonialen Zeit zu verarbeiten. Themen wie die Auflösung traditioneller Wertvorstellungen und Rollenmuster innerhalb von Familien, das Leben in den neu entstandenen Megacities und postkoloniale Konfliktfelder rückten in den Mittelpunkt der Darstellung.

Neben den Vertretern der älteren Generation wie Chinua Achebe, Ama Ata Aidoo, Nuruddin Farah, Femi Osofisan und Wole Soyinka, die stilbildend hinsichtlich der Schreibweise und des Themenrepertoires wirkten, soll vor allem eine jüngere Generation afrikanischer Autoren zu Wort kommen. Geplant ist eine Reihe mit in Deutschland unveröffentlichten short stories jüngerer Erzähler wie Kopano Matlwa, Biyi Bandele-Thomas, Leila Aboulela, Gugu Ndlovu, Lisa Combrinck, Chaïbou Mahamane Kabirou, Antoine Kaburahe. In Gesprächen mit den Autoren wird die Verortung in der afrikanischen Tradition und der Moderne erörtert. In einem Band sollen die besten short stories junger afrikanischer Erzähler unter dem Motto „My Country Today“ in Deutschland veröffentlicht werden. Ein erster wichtigen Kontakt diesbezüglich wurde auf der Frankfurter Buchmesse zu dem nigerianischen-britischen Verleger und ehemaligen Herausgeber von „African Writers Series“ Adewale Maja-Pearce hergestellt, der in seinem Verlag „The New Gong“ in Lagos für das Jahr 2008 eine Anthologie mit Erzählungen der jüngeren Generation nigerianischer Schriftsteller plant und der darüber hinaus über ein weitreichenden Netzwerk insbesondere zu jungen Autorinnen und Autoren verfügt.

Der Einbezug von Autoren und Illustratoren der „Internationale Kinder- und Jugendliteratur“ in den Schwerpunkt schließt eine auffällige Lücke in der öffentlichen Wahrnehmung. Im deutschsprachigen Raum verbreitet sind Werke über afrikanische Lebenswelten und nicht von afrikanischen Autoren. Originäre Kinder- und Jugendliteratur aus Afrika ermöglicht aber Einblicke in unbekannte Welten, vermittelt Werte, öffnet Horizonte und zeigt Möglichkeiten des friedvollen Zusammenlebens auf. Dabei kommen die Widersprüche und Konflikte ebenso zur Sprache wie die Erfolge und der Gewinn für alle Beteiligten. Mit der Kinder- und Jugendliteratur aus Afrika wird ein differenziertes Bild von Menschen aus fremden Gesellschaften und Kulturen vermittelt.

Einen wichtigen Akzent für den Auftakt des Schwerpunkts setzt die Eröffnungsrede des Festivals, die von der 1977 in Nigeria geborenen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie gehalten werden soll.

2. Imagining Africa

Afrika war und ist der „Kontinent der Projektionen“. Wie für die afrikanische Literatur ist auch für das afrikanische Kino und die Theater die Zurückweisung der rassistischen Bilder von Afrika und den Afrikanern, die sich die Kolonisatoren gemacht hatten, ein wichtiges Motiv. Die Selbstdefinition durch Kunst und Literatur wurde zu einem wichtigen Instrument postkolonialer Identitätsbildung und soll in ihrer ganzen Vielfalt genreübergreifend (Theater, szenische Lesungen, Tanz, bildende Kunst) auf dem Festival repräsentiert werden. Wichtig hierbei ist vor allem das Aufzeigen der originären kreativen Dimension – Künstler aller Genres aus möglichst vielen verschiedenen nationalen und sozialen Kontexten sollen Gelegenheit erhalten, ihre Ansätze und Werke dem Publikum vorzustellen. Hier würde sich eine Zusammenarbeit mit dem Abok – Afro-Berliner Ensemble anbieten. Unter der Leitung von Philippa Ebéné bearbeitet das Schauspielensemble urbane, zeitgenössische Literatur aus Afrika und der afro-europäischen Diaspora, um sie in szenischen Lesungen auf die Bühne zu bringen (z.B. szenische Lesung aus „The Island“ von Winston Ntshona, John Kani und Athol Fugrad, „Brixton Stories“ von Biyi Bandele-Thomas).

Eine Retrospektive in der Reihe „Erinnerung, sprich“ soll sowohl die wichtigen afrikanischen Schriftsteller der Vergangenheit vorstellen wie Mongo Beti, Dambudzo Marechera, Yvonne Vera, Amadou Hampâté Bâ, Mariama Bâ, Laye Camra, Aniceti Kitereza, Sony Labou Tansi als auch die entscheidenden Werke der Weltliteratur, die sich mit Kolonialismus, Ausbeutung und Sklavenhandel auf dem Kontinent „von außen“ auseinandersetzen (z. B. Joseph Conrad „Herz der Finsternis“, Bruce Chatwin „Der Vizekönig von Ouidah“). Genauso werden neue Ansätze postkolonialer Betrachtung thematisiert. Der Versuch Hubert Fichtes, eine „Ethnopoesie“ zu entwickeln, die sich intensiv mit den Wurzeln der afroamerikanischen Kulturen und Religionen beschäftigt, mag hier ein Beispiel sein wie auch der afro-europäische Blickwinkel, den u.a. Biyi Bandele-Thomas und Marie NDiaye einnehmen.

3. Crossing Africa

Nirgendwo anders auf der Welt ist eine vergleichbare Anzahl von Menschen in Migrations- und Fluchtbewegungen involviert. Unter Einsatz ihres Lebens überwinden täglich Tausende die „Armutsgrenze“ in Richtung Europa, fliehen aus unentwickelten und Krisengebieten und versuchen sich vor Naturkatastrophen und Krankheiten zu retten. Darüber hinaus impliziert die geopolitische Ordnung durch koloniale Grenzziehungen regionale Konflikte. Im 21. Jahrhundert ist die afrikanische Kultur eine mobile Kultur und die nomadische Existenz, im Vergleich zur traditionellen, jahrtausende alten Lebensform, teils erzwungen.

Um die gegenwärtigen Entwicklungen in ihrer ganzen Komplexität, sowohl in  wirtschaftlicher, gesellschaftlicher wie in politischer Hinsicht zu beleuchten, werden Afrika-Experten verschiedener Fachgebiete eingeladen. In der Reihe „Reflections“ gibt es Gelegenheit zur Diskussion zentraler Themen. Der Völkermord von Ruanda und die letzten Entwicklungen in Darfur stehen exemplarisch für das Versagen der internationalen Gemeinschaft und der UNO in Bezug auf die Bewältigung der Krisen in Afrika. Dabei soll die Gegenwart der unmittelbaren Hilfseinsätze mit einer Tiefendimension, die sich auch aus der Erkenntnis der traumatischen Auswirkungen der Vergangenheit speist, in Beziehung gesetzt werden. Damit soll das Manko der öffentlichen Wahrnehmung, die historische Perspektive angesichts der tagesaktuellen Katastrophenmeldungen zu vernachlässigen, gemildert werden.

Weitere Themenschwerpunkt im Rahmen der Programmsparte „Reflections“: Selbst- und Fremdbestimmung, Informelle Ökonomien, Stellenwert afrikanischer und europäischen Sprachen in Administration und Bildung in Afrika, Afrikanische Einheit, Pan-Afrikanismus und Diaspora.

Die Teilnehmer des Programms in diesem Jahr finden Sie unter Autoren 2008.


Bisherige Teilnehmer der Programmsparte Fokus

2007: Lateinamerika

Claudia Amengual, Laura Antillano, Edgardo Cozarinsky, Ferréz, Jorge Franco, Oscar Hijuelos, Martín Kohan, Guadalupe Nettel, Elsa Osorio, Ignacio Padilla, Eduardo Antonio Parra, Edmundo Paz Soldán, Antonio José Ponte, Carmen Posadas, Cristina Rivera Garza, Juan Manuel Roca, Santiago Roncagliolo, Eduardo Sguiglia, Karla Suárez, Amir Valle

2006: Frankophone Literaturen

Hélé Béji, Gao Xingjian, Edouard Glissant, Yasmina Khadra, Dany Laferrière, Yanick Lahens, Henri Lopes, Daniel Maximin, Anna Moi, Khaled Najar, Jean-Luc Raharimanana, Aminata Sow Fall, Abdourahman A. Waberi

2005: Kalifornien

Rae Armantrout, Wanda Coleman, Dana Gioia, Andrew Sean Greer, Robert Hass, Norman M. Klein, Nathaniel Mackey, David Mas Masumoto, Eileen Myles, Michael Palmer, Rebecca Solnit, Kevin Starr, D.J. Waldie, Steve Wasserman

2003: Griechenland

Katerína Angeláki-Rooke, Jorgi Jatromanolakis, Ioanna Karystiani, Menis Koumandareas, Dimosthenis Kourtovik, Nikos Panajotopoulos, Jorgos Skambardonis, Ersi Sotiropoulos, Soti Triantafillou, Charis Vlavianos

2002: Spanien

Jesús Ferrero, Antonio Gamoneda, Luis García Montero, Marcos Giralt Torrente, Almudena Grandes, Julio Llamazares, Eduardo Mendoza, Carme Riera, Manuel Rivas

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