Sergio Pitol
Sergio Pitol wurde 1933 in Puebla, Mexiko, geboren. Er studierte Jura und Literaturwissenschaft in Mexiko-Stadt, trat 1960 in den diplomatischen Dienst seines Landes ein und arbeitete als Kulturattaché in Warschau, Paris, Budapest und bis 1988 als Botschafter in Prag. Daneben war er als Übersetzer, Literaturprofessor und Schriftsteller tätig. Mit seinen Übersetzungen machte er Tschechow, Gombrowicz, Henry James, Joseph Conrad und Jane Austen in Mexiko bekannt. Seit 1967 veröffentlicht er kontinuierlich Romane und Essays. Er gilt als einer der angesehensten Autoren Lateinamerikas. Grundzug seiner Werke ist das Groteske, Karnevaleske, das Trauer durch Spott überwindet. Pitol betont in Interviews oft den rettenden Aspekt von Literatur, der ihn etwa als Kind den Verlust seiner Eltern und eine schwere Malariaerkrankung überstehen ließ. Auch seine Autorschaft verdankt sich diesem Motiv: »Als Ausgleich zur grauen Welt des Protokolls stürzte ich mich auf Parodie und Nonsens.«
Der Roman »La vida conyugal« (1991; dt. »Eheleben«, 2002) erzählt das Schauermärchen einer unglücklichen Liebesbeziehung und gibt einen vergnüglichen Einblick in die Abgründe der menschlichen Seele. Die Protagonistin, durch Heirat dem ärmlichen Milieu ihrer Herkunft entkommen, ist eine bigotte Hysterikerin. Zu Tschechowschem Müßiggängertum verdammt, sucht sie Erleichterung in bildungsbürgerlichen kulturellen Aktivitäten. Schließlich verfällt sie darauf, ihren Mann umbringen zu wollen und schmiedet mit ihren Liebhabern an Kriminalromanen geschulte Mordpläne. Bei deren Ausführung wird allerdings nur sie selbst verletzt. Alt geworden erneuert sie schließlich – nach einer Zeit der Trennung und Verarmung – symbolisch den Ehebund mit ihrem Mann, indem beide sich Ringe anstecken.
Der Roman entwirft ein facettenreiches Bild der mexikanischen Gesellschaft in den sechziger und siebziger Jahren, ähnlich wie »El desfile del amor« (1985; dt. »Defilee der Liebe«, 2003). Dieser Politthriller beleuchtet allerdings die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Hier versucht ein mexikanischer Gelehrter einen Mordfall aufzuklären, der sich vor 30 Jahren zugetragen hat. Während seiner Untersuchungen und in den Gesprächen mit den Personen, die damals an dem Vorfall beteiligten waren, zeigt sich ein barockes Panoptikum exzentrischer Persönlichkeiten in einem Gruselkabinett der Leidenschaften.
Pitols bislang letztes Buch ist ein Reisebericht. »El viaje« (2001; dt. »Die Reise«, 2003) beschreibt Russland in den letzten Jahren seiner sozialistischen Herrschaft. Die Aufbruchstimmung der Perestrojka, Schilderungen von Architektur und Kultur sowie Bezüge zur russischen Geschichte und Literatur sind hier zu einem eindringlichen und dichten Portrait verwoben. Gleichzeitig gelingt die Evokation der russischen Seele in ihrer Wahlverwandtschaft zu der des Autors. Pitol erhielt zahlreiche Preise, darunter den Premio Herralde de Novela und den renommierten Premio Juan Rulfo. Der Autor lebt in Xalapa, Veracruz.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
El Tañido de una flaute
Anagrama
Barcelona, 1986
La casa de la tribu
Fondo de Cultura económica
Mexiko-Stadt, 1989
El arte de la fuga
Anagrama
Barcelona, 1999
Domar a la divina garza
Anagrama
Barcelona, 2001
Eheleben
Wagenbach
Berlin, 2002
Übersetzung: Petra Strien
Defilee der Liebe
Wagenbach
Berlin, 2003
Übersetzung: Petra Strien
Die Reise
Wagenbach
Berlin, 2003
Übersetzung: Christian Hansen
Mephistowalzer
Wagenbach
Berlin, 2005
Übersetzung: Angelica Amar
Übersetzer: Angelica Amar, Christian Hansen, Petra Strien
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