Bora Ćosić
Gast des ilb 2002, 2003, 2004, 2006, 2008
Bora Cosic wurde 1932 in Zagreb geboren. Ab 1937 lebte er in Belgrad, wo er Philosophie studierte. In den fünfziger Jahren arbeitete er als Redakteur für verschiedene Zeitschriften und als Übersetzer aus dem Russischen (Majakowski, Chlebnikow). 1956 erschien sein erster Roman "Kuca lopova" (Ü: Haus der Diebe), eine surrealistische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Jugoslawien. Bald stand sein Name auf der "schwarzen Liste" der Autoren, von deren Publikation die staatliche Kulturbürokratie den einheimischen Verlagen abriet. Die Theaterfassung seines satirischen Romans "Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution" von 1969 zog ein mehrjähriges Publikationsverbot nach sich.
Aus Protest gegen den Kurs des serbischen Regimes verließ Cosic 1992 Belgrad und ließ sich im istrischen Rovinj nieder. Während des Exils in Kroatien, dem offiziellen Feindesland Serbiens, entstand sein "Tagebuch eines Heimatlosen" (1993), das angefüllt ist mit Reflexionen über Proust und den deutsch-französischen Krieg. Ein Stipendium des DAAD führte ihn 1995 nach Berlin, wo er bis heute lebt. Als serbischer Autor im Exil plädierte Cosic 1999 (anlässlich des Nato-Einsatzes im Kosovo) dafür, nicht nur die Albaner, sondern auch die Serben von Milosevic und "von sich selbst", d. h. vom "völkischen Wahn" zu befreien.
Bora Cosic hat über dreißig Bücher geschrieben, die in viele europäische Sprachen (u. a. ins Deutsche, Englische, Französische und Ungarische) übersetzt wurden. Nach der Veröffentlichung seines ersten Satire-Bands "Wie unsere Klaviere repariert wurden" (1968) interessierten sich deutsche Verlage erst wieder in den neunziger Jahren für den serbischen Schriftsteller. Seither wird er von der deutschen Kritik als einer der witzigsten und skurrilsten Autoren gefeiert. Diesen Ruf verdankt er insbesondere dem inzwischen zum "subversiven Klassiker" (Andreas Breitenstein, "NZZ") avancierten Roman "Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution", der 1994 in Deutschland erschien. Der satirisch-polemische Effekt dieser Familienchronik aus der Zeit von der deutschen Besatzung bis zur Etablierung des Tito-Regimes ergibt sich aus der scheinbar naiven Perspektive des kindlichen Ich-Erzählers, in der historische und alltägliche Ereignisse zu einem grotesken Gesamtbild verschwimmen. Orientiert sich Cosic in diesem in Serbien als Kultbuch gefeierten Werk nur implizit an dem Konstruktionsprinzip der "Blechtrommel", ist der spielerische Umgang mit Günter Grass und anderen Vorbildern, wie z.B. Krleža, Musil, Dostojewski, Hamsun oder Proust, in anderen Fällen programmatisch. Dies signalisieren Titel wie "Musils Notizbuch", "Ein zweites Treffen in Telgte", "Geschichte Myschkins", "Bergottes Witwe" oder die fiktive Autobiographie "Miroslav Krleža" (1998). Die "Montage vorgefundenen Materials", so der Kritiker Karl-Markus Gauß, ist bei Cosic "ein bevorzugtes ästhetisches Prinzip". Dies gilt auch innerhalb seines eigenen Werkes, das sich dem Autor zufolge in einem fortwährenden Prozess befindet und zahlreiche Querverbindungen aufweist. So entwickelte er etwa die an den Rollstuhl gefesselte Protagonistin Suarda im Monolog-Roman "Bel Tempo" von 1982 aus der Figur der Großmutter Cosic', die schon in "Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution" literarisch verewigt wurde.
Seit einigen Jahren schreibt Bora Cosic auch Gedichte - 2005 erschien die Sammlung "Irenas Zimmer". Zuletzt wurde "Die Reise nach Alaska" veröffentlicht, Beschreibungen eines Besuchs im ehemaligen Jugoslawien und Reflexionen darüber, wie es zu der Katastrophe des Krieges kommen konnte. Cosic wurde mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und dem "Albatros" der Günter-Grass-Stiftung ausgezeichnet.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Wie unsere Klaviere repariert wurden
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 1968
Übersetzung: Peter Urban
Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution
Rowohlt
Reinbek, 1994
Übersetzung: Mirjana und Klaus Wittmann
Musils Notizbuch
Droschl
Graz, 1994
Übersetzung: Barbara Antkowiak
Das barocke Auge
Babel
München, 1997
Übersetzung: Barbara Antkowiak
Bel Tempo: Der Jahrhundertroman
Rowohlt
Berlin, 1998
Übersetzung: Irena Vrkljan und Benno Meyer-Wehlack
Die Zollerklärung
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2001
Übersetzung: Katharina Wolf-Grießhaber
Die Toten
DAAD
Berlin, 2001
Übersetzung: Irena Vrkljan und Benno Meyer-Wehlack
Das Land Null
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2004
Übersetzung: Katharina Wolf-Grießhaber
Irenas Zimmer: Gedichte
Folio
Wien, 2005
Übersetzung: Milo Dor
Die Reise nach Alaska
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2007
Übersetzung: Katharina Wolf-Grießhaber
Übersetzer: Barbara Antkowiak, Alida Bremer, Milo Dor, Benno Meyer-Wehlack, Irena Meyer-Wehlack, Peter Urban, Irena Vrkljan, Klaus Wittmann, Mirjana Wittmann, Katharina Wolf-Grießhaber
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