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Margriet de Moor

Gast des ilb 2006

Margriet de Moor wurde 1941 im niederländischen Noordwijk geboren. Sie stammt aus einer kinderreichen, katholischen Familie und wuchs mit neun Geschwistern auf, davon sechs Mädchen. Das Schwesternthema findet sich später häufig in ihrem Werk. Zunächst studierte de Moor Klavier und Gesang am königlichen Konservatorium in Den Haag, wo sie sich besonders für die Musik von avantgardistischen Komponisten wie Schönberg, Satie und Debussy interessierte. Ab 1968 stand sie als Solosängerin selbst regelmäßig auf der Bühne. Ein Jahrzehnt später begann sie wiederum zu studieren, diesmal Kunstgeschichte und Archäologie an der Amsterdamer Universität.

Nach ihrer Eheschließung mit dem Bildhauer Heppe de Moor gründete sie 1984 in ’s-Graveland bei Amsterdam einen Künstlersalon. Für diesen Salon machte sie Filme und Videoporträts der beteiligten Künstler. Ein Jahr später begann sie, Prosa zu schreiben, die sich von Anfang an durch komplexen Aufbau und atmosphärische Dichte auszeichnete. 1988 erschien de Moors erster Band mit Kurzgeschichten »Op de rug gezien« (dt. »Rückenansicht«, 1993), das als bestes verkauftes Debüt mit dem »Gouden Ezelsoor« ausgezeichnet wurde. International bekannt wurde sie mit ihrem ersten Roman »Eerst grijs dan wit dan blauw« (1991; dt. »Erst grau dann weiß dann blau«, 1993), der in elf Sprachen übersetzt wurde. Aus Sicht dreier Personen wird die Ermordung einer schon seit Jahren verschwundenen Frau rekonstruiert.

Waren schon ihre musikalischen Vorlieben spezifisch modern, so orientiert sich de Moor auch literarisch an stilistischen Avantgardisten wie Beckett, Borges und Ionesco. »Mein kreatives Denken ist aus musikalischen Formen aufgebaut, ich werde aber nie versuchen, eine bestimmte musikalische Form direkt in Literatur zu übersetzen.« In ihrem Werk beschäftigt sie sich häufig – vor dem Hintergrund historischer Ereignisse und Epochen – mit den schicksalhaften Mächten, die sich dem menschlichen Streben nach Kontrolle über das Leben entgegenstellen. Dabei sind Musik und Liebe immer wiederkehrende Themen. So handelt zum Beispiel »De Virtuoos« (1993; dt. »Der Virtuose«, 1994) von der Liebe einer Frau zu einem Kastraten im Neapel des 18. Jahrhunderts. Auch »Hertog van Egypte« (1996; dt. »Der Herzog von Ägypten«, 1997) beschreibt die Liebesgeschichte eines ungewöhnlichen Paares, hier zwischen einem Roma und einer Bäuerin, die in den sechziger Jahren heiraten.

In ihrem jüngstins Deutsche übersetzen Roman »De verdronkene« (2005; dt. »Sturmflut«, 2006) erzählt de Moor von der Überflutung der südwestlichen Provinz Zeeland im Jahr 1953. Das Schicksal zweier sich ähnelnder Schwestern vollendet sich dadurch, dass sie genau am Tag der Katastrophe ihre Rollen tauschten. So stirbt die eine Schwester an dem Ort, wo die andere hätte sein sollen.

De Moor wurde mit mehreren Preisen gewürdigt, darunter dem Lucy B. en C.W. van der Hoogtprijs und dem Ako Literaturpreis. Die Autorin lebt in Amsterdam.

© internationales literaturfestival berlin

Margriet de Moor online: http://www.margriet-de-moor.de

BIBLIOGRAFIE:

Rückenansicht
dtv
München, 1995
[Ü: Rotraud Keller]

Erst grau dann weiß dann blau
Hanser
München, Wien, 1995
[Ü: Heike Baryga]

Der Herzog von Ägypten
Hanser
München, Wien, 1997
[Ü: Helga van Beuningen]

Die Verabredung
dtv
München, 2002
[Ü: Helga van Beuningen]

Kreutzersonate
dtv
München, 2004
[Ü: Helga van Beuningen]

Der Virtuose
Wagenbach
Berlin, 2005
[Ü: Helga van Beuningen]

Sturmflut
Hanser
München, Wien, 2006
[Ü: Helga van Beuningen]

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