† Oskar Pastior
Gast beim ilb 2004, 2005 und 2006
Oskar Pastior wurde 1927 im
siebenbürgischen Hermannstadt (Sibiu) in Rumänien geboren. Kurz vor
Kriegsende wurde er als Angehöriger der deutschen Minderheit in
sowjetische Arbeitslager deportiert. Erst nach fünf Jahren Zwangsarbeit
konnte er in seine Heimat zurückkehren. Ab 1955 studierte er Deutsche
Sprache und Literatur an der Universität Bukarest, nebenher
veröffentlichte er seine ersten Gedichte. Nach dem Studium arbeitete er
als Redakteur für deutschsprachige Inland-Sendungen beim Rumänischen
Rundfunk. 1964 erschien sein erster Gedichtband »Offne Worte«. Obwohl
er in Rumänien für seine Dichtung ausgezeichnet wurde, fühlte er sich
von der »Fertigbauteil- und Ideologiesprache mit verordneten
historischen Gesetzmäßigkeiten« eingeengt. So nutzte er 1968 einen
Studienaufenthalt in Wien, um in den Westen überzusiedeln. Seither
lebte Pastior als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. »Vom
Sichersten ins Tausendste« (1969) war der erste seiner zahlreichen
Gedichtbände, der in Deutschland veröffentlicht wurde. In der
lautpoetischen Wunderwelt von Pastiors Lyrik wird die vertraute Sprache
fremd, und der Sinn erhebt sich in eine andere Dimension. Der Reiz
dieser surrealen Sprachrealität liegt im spielerischen Umgang mit den
Regeln. »Falschsinn, Nebensinn, Unsinn, Witz und Vielfalt wörtlicher
Bedeutungen sind ihm von jeher wahr und wirklich erschienen«, wie
Christoph Meckel einmal über Pastior bemerkte. Es verwundert nicht,
dass der Sprachkünstler Pastior der Gruppe OuLiPo (»Ouvroir de
Littérature Potentielle«/»Werkstatt für potentielle Literatur«)
angehörte, die sich seit 1960 mit reanimierten wie mit neu erfundenen
Literaturtechniken beschäftigt. Oskar Pastior war ein Meister der
lyrischen Formen. Mal schrieb er »Gedichtgedichte« (1973), mal kreierte
er »sonetburger« (1983). Er stöberte im »Höricht« (1975) und forschte
nach den Möglichkeiten des Anagramms (»Anagrammgedichte«, 1985). Er
spielte mit dem Palindrom in »Kopfnuß Januskopf« (1990), erfand die
Vokalise (»Vokalisen und Gimpelstifte«, 1992) und ergründete »Das Hören
des Genitivs« (1997). 2002 schuf er mit »o du roher iasmin« 43
Variationen von Charles Baudelaires Gedicht »Harmonie du soir«. Zuletzt
erschien mit »Minze Minze flaumiran Schpektrum« (2004) der dritte Band
seiner Werkausgabe. Der Schriftsteller wurde mit zahlreichen
Auszeichnungen gewürdigt, darunter mit dem Aachener
Walter-Hasenclever-Preis und mit dem Wiener Erich-Fried-Preis. Er starb
am 4. Oktober 2006, kurz vor der Verleihung des Georg-Büchner-Preises
für sein »Œuvre von größter Radikalität und Formenvielfalt«.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Lesungen mit Tinnitus
Hanser
München, 1986
Kopfnuß Januskopf
Hanser
München, 1990
Vokalisen & Gimpelstifte
Hanser
München, 1992
Das Unding an sich
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 1994
Villanella & Pantum
Hanser
München, 2000
Das Hören des Genitivs
Hanser
München, 2000
O du roher iasmin
Urs Engeler Editor
Basel, Weil am Rhein, 2002
Jalousien aufgemacht
Hanser
München, 2002
Jetzt kann man schreiben was man will
Hanser
München, 2003
Mein Chlebnikov
Urs Engeler Editor
Basel, Weil am Rhein, 2003
Minze Minze flaumiran Schpektrum
Hanser
München, 2004
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