Gast des ilb 2006
Gao Xingjian
wurde 1940 in Ganzhou in Ostchina geboren. Die Mutter, eine
Amateurschauspielerin, weckte frühzeitig sein Interesse für die
chinesische und abendländische Literatur und das Theater. Gao
absolvierte eine Ausbildung in französischer Sprache am Institut für
Fremdsprachen in Peking. Während Maos Kulturrevolution (1966-1976)
wurde der junge Schriftsteller mehrere Jahre in ein Umerziehungslager
und aufs Land verschleppt. Nach seiner Rehabilitation arbeitete Gao als
Bühnenautor am Pekinger Volkskunsttheater. Er übersetzte Werke von
Ionesco und Prévert ins Chinesische und publizierte zahlreiche Dramen,
Erzählungen, Essays, Romane und literaturtheoretische Arbeiten. Als
Stipendiat des DAAD verbrachte Gao 1986 sechs Monate in Berlin. Unter
dem stetigen Druck der chinesischen Zensurbehörden entschied sich der
Autor ein Jahr später nach Frankreich ins Exil zu gehen. Nach dem
Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 erklärte Gao
seinen Austritt aus der Partei. Die Veröffentlichung seines Dramas „Die
Flucht“, das vor dem Hintergrund eben dieser Ereignisse spielt, führte
schließlich zum endgültigen Verbot all seiner Werke in China. Im Jahr
2000 erhielt Gao Xingjian den Literaturnobelpreis. Der erste
chinesische Nobelpreisträger wird aufgrund seines Zerwürfnisses mit der
Regierung in der Öffentlichkeit seines Herkunftslandes bis heute
totgeschwiegen. In seinem dramatischen Werk erarbeitete Gao in
Auseinandersetzung mit Brecht neue Formen für das chinesische Theater.
Das absurde Drama „Die Busstation“, das oft mit Becketts „Warten auf
Godot“ verglichen wird, bedeutete 1983 seinen literarischen Durchbruch
und veranlasste zugleich die Kulturbehörden unter dem Vorwurf des
„Modernismus“ und der „geistigen Verunreinigung“ zu verstärktem
politischen Druck auf den Autor. Nachdem sich eine Krebsdiagnose als
falsch herausgestellt hatte, und um weiteren politischen Repressionen
zu entgehen, unternahm der Schriftsteller 1983 eine zehnmonatige
Wanderung durch die Wald- und Bergregionen der Provinz Sichuan. Ihre
literarische Umsetzung findet die Reise im Roman „Der Berg der Seele“,
in dem Gao in 81 Episoden Legenden, Erinnerungen, Annalen und
tagebuchartige Aufzeichnungen zu einem vielschichtigen Bild Chinas
aneinanderreiht. Die Erzählperspektive wechselt dabei vom „ich“ zum
„du“ und zum auktorialen „er“ und „sie“, einzig das „wir“ als der
Parteiideologie bequeme kollektive Form vermeidet der Autor. Für Gao
selbst bedeutet der Roman „die Suche nach einer Sprache, mit der sich
das Individuum völlig frei ausdrücken kann“. Zu Gaos epischem Hauptwerk
gehört weiterhin der autobiografische Roman „Das Buch eines einsamen
Menschen“, in dem er sich retrospektivisch mit der eigenen Opfer- als
auch Täterrolle in den Jahren der Kulturrevolution auseinandersetzt.
Damit wird der Autor der sogenannten „skeptischen Generation“
chinesischer Gegenwartsliteratur zugerechnet. Gao, der 1998 die
französische Staatsbürgerschaft erwarb, versteht sich selbst als
Weltbürger und ist vielleicht das perfekte Beispiel eines postmodernen
Nomaden, der auf Chinesisch als auch auf Französisch schreibt, mit
verschiedenen Kulturen gleichermaßen vertraut ist und in dessen Person
und Werk sich dennoch weit mehr ausdrückt als einfach die Summe der
einzelnen Einflüsse und Kulturtraditionen. Der Schriftsteller und
Tuschemaler lebt und arbeitet in Paris.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Die Busstation
Brockmeyer
Bochum, 1988
[Ü: Chang Hsien-Chen, Wolfgang Kubin]
Die Flucht
Brockmeyer
Bochum, 1992
[Ü: Helmut Forster-Latsch, Marie-Luise Latsch]
Nächtliche Wanderung Edition Mnemosyne Neckargemünd, 2000 [Ü: Martin Gieselmann]
Der Berg der Seele
Fischer
Frankfurt/Main, 2001
[Ü: Helmut Forster-Latsch, Marie-Luise Latsch, Gisela Schneckmann]
Auf dem Meer
Fischer
Frankfurt/Main, 2001
[Ü: Natascha Vittinghoff]
Was hat uns das Exil gebracht
[mit Yang Lian]
DAAD
Berlin, 2001
[Ü: Peter Hoffmann]
Das Buch eines einsamen Menschen
Fischer
Frankfurt/Main, 2004
[Ü: Natascha Vittinghoff]
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