Gast des ilb 2006
Slavenka Drakulić
wurde 1949 in Rijeka, im heutigen Kroatien, geboren. Sie studierte
Literaturwissenschaft und Soziologie, unterrichtete bis 1984 an einem
Gymnasium in Zagreb und arbeitete anschließend als Redakteurin, u.a.
beim politischen Magazin »Danas«. Als das Blatt nach seiner
Privatisierung zu einem Sprachrohr der Regierung Tudjman gemacht werden
sollte, schied sie aus der Redaktion aus. Seit 1992 arbeitet sie als
freie Schriftstellerin und Journalistin, deren politische Feuilletons
in großen amerikanischen, deutschen, italienischen, englischen,
österreichischen und schwedischen Zeitungen veröffentlicht werden.
Nachdem ihre ablehnende Haltung gegenüber den nationalistischen
Tendenzen in ihrem Heimatland zu Anfeindungen geführt hatte, verlagerte
Drakulić ihren Lebensmittelpunkt nach Stockholm, wo sie mit ihrem
Ehemann, dem Journalisten Richard Swartz, lebt. Drakulićs intelligente
und scharfe Analysen Jugoslawiens und Osteuropas, der Balkankriege und
der daraus hervorgegangenen neuen Staaten sind in bislang fünf Büchern
zusammengestellt. Zunächst erschienen »How we Survived Communism and
Even Laughed« (1991; dt. »Wie wir den Kommunismus überstanden – und
dennoch lachten«, 1991) und »Sterben in Kroatien« (1992). »Café Europa
- Life After Communism« (1996; dt. »Café Paradies oder Die Sehnsucht
nach Europa«, 1997) dokumentiert das nicht immer realistische
Europa-Bild der Balkanländer, deren Bevölkerung nur unzureichend auf
die Zumutung der Demokratie vorbereitet ist. Unter einem anderen Aspekt
zeigt sich Drakulićs streng moralische Sichtweise in ihren Romanen, die
das Böse der menschlichen Natur thematisieren und der Frage der
Verantwortung nachgehen.
»Bozanska glad« (1995; dt. »Das Liebesopfer«,
1997) handelt von einer Liebesbeziehung, an deren Ende der Liebhaber
von seiner Geliebten buchstäblich verzehrt wird. Auch »Mramorna koza«
(1989; dt. »Marmorhaut«, 1998) beschreibt die zerstörerischen Folgen
einer extremen Passion: Die Sehnsucht nach Nähe zur ihrer Mutter bringt
ein Mädchen dazu, sich den sexuellen Übergriffen von deren Liebhaber
auszusetzen. Der Roman »Kao da me nema« (1999; dt. »Als gäbe es mich
nicht«, 1999) ist eine präzise und nüchterne Schilderung des Schicksals
einer bosnischen Frau, die Krieg, Lager, Vergewaltigung und eine
nachfolgende Schwangerschaft erleiden muss. In ihrem jüngsten
dokumentarischen Werk »They Would Never Hurt a Fly« (2003; dt. »Keiner
war dabei«, 2004) klagt Drakulić erneut die Individualisierung von
Schuld ein. Nachdem sie monatelang von der Publikumstribüne aus die
Verhandlungen vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den
Haag und weitere Prozesse in Kroatien verfolgt hatte, verfasste sie
rund ein Dutzend Porträts von Kriegsverbrechern, die einst normale,
manchmal sogar liebenswürdige und schüchterne Menschen waren. Diese
Fallbeispiele für die schon von Hannah Arendt beschriebene »Banalität
des Bösen« sind gleichzeitig ein Appell für Zivilcourage und Mitgefühl.
Für ihre Bücher wurde Drakulić 2005 mit dem Leipziger Buchpreis zur
Europäischen Verständigung geehrt. Zurzeit ist die Autorin Gast des
DAAD in Berlin.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Wie wir den Kommunismus überstanden ...
Rowohlt
Reinbek bei Hamburg, 1991
[Ü: Ulrike Bischoff]
Sterben in Kroatien
Rowohlt
Reinbek bei Hamburg, 1992
[Ü: Katharina Wolf-Griesshaber]
Café Paradies oder Die Sehnsucht nach Europa
Aufbau Taschenbuch Verlag
Berlin, 1997
Das Liebesopfer
Aufbau Taschenbuch Verlag
Berlin, 1999
[Ü: Astrid Philippsen]
Marmorhaut
Aufbau Taschenbuch Verlag
Berlin, 2000
[Ü: Astrid Philippsen] Als gäbe es mich nicht
Aufbau Taschenbuch Verlag
Berlin, 2002
[Ü: Astrid Philippsen]
Keiner war dabei
Zsolnay
Wien, 2004
[Ü: Barbara Antkowiak] |