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© Unionsverlag

Rachid Boudjedra

Algerien








Writing Space

Gast des ilb 2006

Rachid Boudjedra wurde 1941 im ostalgerischen Aïn-Beida geboren. In Tunis erlernte er die arabische Sprache, die in seinem Heimatland verboten war. Er nahm am algerischen Befreiungskrieg teil, trat nach Erlangung der Unabhängigkeit der Kommunistischen Partei bei und studierte Mathematik und Philosophie in Algier und an der Pariser Sorbonne. Seit 1965 unterrichtet er an verschiedenen Universitäten der arabischen Welt, Europas und Amerikas.

Die Anprangerung des französischen Kolonialismus ist ein zentrales Motiv in Boudjedras Werk, das gleichzeitig bereits mit seinem Romandebüt die Wende hin zur Kritik an der eigenen Gesellschaft vollzieht. »La Répudiation« (1969; dt. »Die Verstoßung«, 1991) erzählt von der traumatischen Kindheit eines jungen Mannes, dessen Mutter von seinem Vater verstoßen wurde und der sich nun dafür rächt, indem er der Liebhaber der neuen, jungen Frau des Vaters wird. Über das Einzelschicksal hinausgehend, wird die Zerstörung von Identität als exemplarisch für eine ganze Gesellschaft geschildert. Die Wucht der Schilderung insbesondere des zentralen Motivs, der Sexualität, erregte kontroverse Debatten. In Algerien war der Roman bis 1980 verboten. Da der Autor das vom Prix Goncourt vorgeschriebene Mindestalter von dreißig Jahren noch nicht erreicht hatte, wurde er mit dem kurzerhand von Jean Cocteau gestifteten Alternativpreis »Prix des Enfants Terribles« ausgezeichnet.
Seitdem stellte sich Boudjedra mit seinem am Noveau Roman und den modernen Erzähltechniken der Weltliteratur geschulten Werk immer wieder ins Zentrum von Kritik und Anfeindungen. Mit einem spezifischen Pathos der Wut und Verzweiflung schildert er die sich unaufhörlich perpetuierenden Gewaltverhältnisse in der algerischen wie in der französischen Gesellschaft. Der sturzflutartige, auf gliedernde Kapitel verzichtende Textfluss vereint plastische Metaphern in großer Fülle, Einschübe von Mythen, Erzählungen und intertextuelle Verweise mit verschmelzenden Zeit- und Bewusstseinsebenen und komplexen Rahmenhandlungen. Dabei geraten die Romane zur scharfen Anklage gegenüber allen radikalen und gewalttätigen Machthabern. 1987 wurde gegen Boudjedra die Fatwa ausgerufen, und seitdem kann er sich in seiner Heimat nur noch unter dem Schutz von Leibwächtern bewegen. Fünf Jahre später reagierte er auf das mörderische Treiben der fundamentalistischen islamischen Heilsfront FIS mit dem Pamphlet »FIS de la haine« (1992; dt. »Prinzip Hass«, 1993). Im Roman »Timimoun« (1994; dt. 1995) kontrastierte er die Schönheit der algerischen Wüstenlandschaft mit den grausamen Attentaten der Fundamentalisten.

»Die Realität ist schrecklich«, erklärt Boudjedra seine Abneigung gegen Happy Ends, und doch findet sein neuester Roman »Les funérailles« (2003; Ü: Die Totenfeier) zum versöhnlichen Ende einer Heirat. Der Autor, der seit 1981 manche seiner Romane auf Arabisch geschrieben hat und dessen Werk zum größten Teil ins Deutsche übersetzt ist, verfasste auch Lyrik, Essays und zehn Drehbücher. Auf dem Filmfestival in Cannes erhielt er für »Chronique des années de braise« (1975; dt. »Chronik der Jahre der Glut«) die Goldene Palme. Sein Skript »Ali au pays des mirages« (Ü: Ali im Land der Wunder) wurde auf dem Festival von Karthago 1980 mit dem Tanit d`or ausgezeichnet. Boudjedra lebt »zwischen Algier, Paris und dem Rest der Welt«.

© internationales literaturfestival berlin

BIBLIOGRAFIE:

Der Pokalsieger
Unionsverlag
Zürich, 1989
[Ü: Jeanne Pachnicke]

Die Verstoßung
Unionsverlag
Zürich, 1991
[Ü: Dorothea Steiner und Siegfried Helmchen]

Prinzip Hass
Donata Kinzelbach
Mainz, 1993
[Ü: Thomas Bleicher]

Die Auflösung
Donata Kinzelbach
Mainz, 1996
[Ü: Monika Hoffmann, Salah Tamen]

Die 1001 Jahre der Sehnsucht
Donata Kinzelbach
Mainz, 1999
[Ü: Angelika Rahmer, Nuha Sarraf Forst]

Les funérailles
B. Grasset
Paris, 2003

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