Gast des ilb 2006
Héctor Abad Faciolince
wurde 1958 im kolumbianischen Medellín geboren. Er studierte
Publizistik an der Universidad de Antioquia und Medizin sowie
Philosophie an der Universidad Pontificia Bolivariana, von der er wegen
eines unehrerbietigen Artikels über den Papst exmatrikuliert wurde. An
der Universität von Turin studierte er anschließend moderne Sprachen
und war bis 1992 als Spanischdozent an der Universität von Verona
tätig. Nach Kolumbien zurückgekehrt, arbeitete er als Übersetzer (u.a.
von Tomasi di Lampedusa und Umberto Eco) und als Journalist für
verschiedene Zeitungen seines Heimatlandes, darunter »Cromos«, »El
Malpensante« und das von Gabriel García Márquez mitbegründete Magazin
»Cambio«.
In seinen Kurzgeschichten und Romanen
thematisiert Abad oft die Persönlichkeit des Erzählers und die
Tätigkeit des Erzählens in ihrem Streben nach Schutz und Macht. In
»Asuntos de un hidalgo disoluto« (1994; Ü: Angelegenheiten eines
zügellosen Edelmanns) lässt ein alternder Liebhaber aus der
kolumbianischen Oberschicht für seine junge Geliebte sein
ausschweifendes Leben Revue passieren, das mit seinen hohen Ansprüchen
gescheitert ist. »Fragmentos de amor furtivo« (1998; Ü: Fragmente
verstohlener Liebe) übernimmt die Rahmenhandlung der »Märchen aus
Tausendundeiner Nacht« in abgewandelter Form: Eine Frau zögert den
Abschied von ihrem Geliebten hinaus, indem sie ihm von ihren
vergangenen Liebhabern erzählt. Der Roman »Basura« (2000; Ü: Abfall)
scheint auf reale Vorbilder wie die lebensuntüchtigen Erzähler Kafka
oder Pavese anzuspielen und schildert einen Schriftsteller, der seine
Erzeugnisse direkt in den Abfalleimer wirft. Sein Nachbar findet die
Texte und wird mit der Zeit zu einem eifrigen und sorgfältigen Leser,
dem sich die ganze Kläglichkeit des Schriftstellerdaseins offenbart.
Immer wieder werden Schlaglichter auf die Tätigkeit des Schreibens und
die Rolle des Lesers in der Literatur geworfen. Der Roman wurde mit dem
Primer Premio Casa de América de Narrativa Innovadora ausgezeichnet.
Das auch auf Deutsch erschienene »Kulinarische Traktat für traurige
Frauen« (2001; OT: »Tratado de culinaria para mujeres tristes«, 1996)
ist weder Roman noch Rezeptsammlung, sondern vielmehr eine Sammlung
feinfühliger Reflexionen und Sentenzen über unglückliche Stimmungen und
den angemessenen Umgang mit ihnen. »Die Zauberformel, wenn sie
überhaupt nützt, liegt in ihrem Klang; die heilende Wirkung kommt aus
dem Hauch, den die Worte verströmen.« Mit einer Vorliebe für skurrile
Wendungen mischt Abad in wohlgesetzten Sätzen Melancholie mit
gelassener Ironie.
Deutlichere Anklänge an den amerikanischen
»Hyperrealismus« als an den »Magischen Realismus« zeigen sich in Abads
letztem Roman, »Angosta« (2003; Ü: Eng). In dieser phantastischen
Parabel der kolumbianischen Gesellschaft beschreibt er eine fiktive
Stadt, in der auf drei Ebenen drei verschiedene Kasten leben. Vor dem
Hintergrund der gewaltsamen Perpetuierung dieser Ordnung wird ein
Kaleidoskop von Sonderlingen der führenden Klasse geschildert. Der
Roman wurde 2004 in China mit dem Preis für das beste spanischsprachige
Buch des Jahres ausgezeichnet. Der Autor ist derzeit Gast des DAAD in
Berlin.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Malos pensamientos
Universidad de Antioquia
Medellín, 1991
Fragmentos de amor furtivo
Alfaguara
Santafé de Bogotá, 1998
Asuntos de un hidalgo disoluto
Alfaguara
Santafé de Bogotá, 2000
Basura
Lengua de Trapo
Madrid, 2000
Kulinarisches Traktat für traurige Frauen
Wagenbach
Berlin, 2001
[Ü: Sabine Giersberg]
Oriente empieza en El Cairo
Mondadori
Barcelona, 2002
Angosta
Planeta Colombiana
Bogotá, 2004
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