Gast des ilb 2005, 2007
Michael Kleeberg wurde 1959 in Stuttgart geboren und wuchs in Böblingen und bei Hamburg auf. Neben dem Studium der Politik und Visuellen Kommunikation arbeitete er als Journalist, Krankenpfleger und Hafenarbeiter. 1984 erschien sein erster, besonders für die scharfe Beobachtungsgabe gelobter Erzählband »Böblinger Brezeln«. Nach Aufenthalten in Rom, Westberlin und Amsterdam siedelte er 1986 nach Paris über, wo er neben seiner schriftstellerischen Aktivität auch als Mitinhaber einer Werbeagentur tätig war. Auf seinen ersten Roman »Der saubere Tod« (1987), einer illusionslosen Beschreibung des Berliner Hausbesetzer-Milieus der achtziger Jahre, folgte der pikareske Roman »Proteus der Pilger« (1993), der die Bundesrepublik nach 1968 beleuchtet.
Kleebergs besonderes Interesse gilt der Darstellung des Zusammenhangs von persönlicher Geschichte und Zeitgeschichte. Auch in seinem hochgelobten Roman »Ein Garten im Norden« (1998) steht mit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert eine Epoche deutscher Historie im Mittelpunkt, die mit sprachlicher Brillanz und präzisem Blick zum Leben erweckt wirkt. Auf einer vom Protagonisten imaginierten Handlungsebene schildert der Roman den Werdegang des Bankiers Albert Klein, der einen Park der Künstler, Philosophen und Politiker erbaut, um Toleranz und Demokratie zu befördern und den tatsächlichen folgenschweren Entwicklungen der Weltgeschichte entgegenzuwirken. Der Roman »Der König von Korsika« (2001) zeichnet das Leben des Barons Theodor Neuhoff nach, den sein Schicksal durch das Europa des 18. Jahrhunderts führt.
2003 nahm Kleeberg an dem Begegnungsprogramm »West-östlicher Diwan« des Berliner Wissenschaftskollegs teil und besuchte für vier Wochen den bedeutenden libanesischen Autor Abbas Beydoun. Aus diesem Beirut-Aufenthalt entstand der Reisebericht »Das Tier, das weint« (2004), ein bildkräftiges und facettenreiches Erfahrungsdokument. Sehr persönliche Gedanken sowie genau und sensibel beobachtete Alltagserlebnisse werden hier mit ästhetischen und ethischen Reflexionen verknüpft.
Im August 2007 erschien Kleebergs neuer Roman »Karlmann«. Anhand der minutiösen Auslotung jeweils einiger Stunden der Jahre 1985 bis 1989 aus dem Leben des Durchschnittsdeutschen Charly durchleuchtet der Autor mit ganz unterschiedlichen Sprachregistern den Alltag in all seinen Aspekten und geht so der Faszinationskraft des Banalen auf den Grund. »Der Alltag ist das Leben selbst. Zugleich ist er Terra incognita«, so der Autor.
Kleeberg, der auch als Übersetzer aus dem Französischen (Proust, Huysmans) und dem Englischen (Dos Passos) tätig ist, erhielt u.a. den Anna-Seghers-Preis (1996), den Lion-Feuchtwanger-Preis (2000) und wurde mit zwei Arbeitsstipendien des Deutschen Literaturfonds geehrt. Im letzten Jahr nahm der Autor an einem interdisziplinären Forschungsprojekt der Universität Bielefeld teil und tauschte mit Naturwissenschaftlern Kenntnisse zum Thema »Liebe« aus. Kleeberg lebte als freier Schriftsteller und Übersetzer in Burgund, bevor er sich 2000 in Berlin niederließ.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Böblinger Brezeln
Schneekluth
München, 1984
Der saubere Tod
Schneekluth
München, 1987
Proteus der Pilger
Mitteldeutscher Verlag
Halle, 1993
Barfuss
Kiepenheuer & Witsch
Köln, 1995
Der Kommunist vom Montmartre
Kiepenheuer & Witsch
Köln, 1997
Ein Garten im Norden
Ullstein
Berlin, 1998
Der König von Korsika
DVA
Stuttgart, München, 2001
Das Tier, das weint
DVA
München, 2004
Karlmann
DVA
München, 2007
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