Gast des ilb 2005
Zheng Chouyu wurde 1933 in
Jinan, Provinz Shandong, geboren und wuchs in Peking auf. Er ist der
Sohn eines hohen Militärbeamten. Dies prägt sein Werk, das nur auf den
ersten Blick rein lyrischer Natur ist. Auch die politische Einstellung
wird in seinen Gedichten nicht unmittelbar deutlich. Obwohl ein Linker,
entschied sich Zheng doch zur Flucht nach Taiwan, wo er sich dann
gezwungen sah, seinen ersten Gedichtband zu verbrennen, um sich nicht
in Gefahr zu bringen. Aber auch seine frühe, scheinbar apolitische
Lyrik ließ ihn in Schwierigkeiten geraten. Immer wieder musste er für
die Publikation einzelne Worte verändern – und doch machten ihn vor
allem seine frühen Gedichte aus den fünfziger Jahren als Literaten
berühmt.
Nachdem ihm aus politischen Gründen jahrelang die Ausreise zu einem
Studienaufenthalt in den USA verweigert worden war, und er später nicht
mehr nach Taiwan zurückkehren durfte, ließ sich Zheng schließlich in
den Vereinigten Staaten nieder, wo er seit den siebziger Jahren bis
2004 an der Yale University in New Haven Chinesisch unterrichtete.
Seine Gedichte wurden vielfach übersetzt und gehören zur
Schulbuchlektüre von Taiwan und Hongkong, obwohl er auf Taiwan nur kurz
gelebt hatte. Inzwischen lässt sich eine solche Vereinnahmung aber auch
durch die Tatsache rechtfertigen, dass der Dichter nun auf Quemoy einen
Wohnsitz begründet hat – einer Insel unter taiwanesischer Verwaltung,
die zwischen dem Festland und Taiwan liegt. Sie war vielfach vom
Festland bombardiert worden und galt bis in die neunziger Jahre hinein
als Kriegsgebiet. In den letzten Jahren wurde sie zum bevorzugten Sujet
vom Schreiben und Nachdenken Zhengs.
Zheng gilt als der »chinesischste« aller modernen Dichter. Er
versteht es meisterhaft, die klassische chinesische Bilderwelt und den
europäischen Modernismus miteinander zu kombinieren. Dadurch entsteht
der Eindruck einer vermeintlich verständlichen Lyrik, die aus diesem
Grund auch gern von Künstlern in andere Medien übertragen wird – in
Lieder, Gemälde, Sinfonien oder opernähnliche Stücke. In dem einen oder
anderen Fall konnten die Gedichte trotz aller Subtilität schon fast den
Charakter eines Gassenhauers annehmen. Das hatte zur Folge, dass der
Dichter zum Medienstar avancierte und heute auf den Straßen Taipehs
bisweilen von seinen Fans begleitet wird. Zhengs umfangreiches Werk
wird gegenwärtig in einer Gesamtausgabe verlegt, von der auf Taiwan
bislang zwei Bände erschienen sind: »Zheng Chouyu shiji« (2003, 2004;
Ü: Gesammelte Gedichte von Zheng Chouyu), wovon der erste Band den
Zeitraum von 1955 bis 1968 umfasst und der zweite Band die Jahre 1969
bis 1986.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Yan ren xing
Hongfan Shudian
Taipeh, 1980
Shi hua cha na
San lian chu dian Xianggang fen dian
Xianggang, 1985
Ci xiu di ge yao
Lian he wen Xue za zhi she
Taipeh, 1987
Ji mo de ren zuo zhe kan hua
Hongfan Shudian
Taipeh, 1993
Shiji I
Hongfan Shudian
Taipeh, 2003
Shiji II
Hongfan Shudian
Taipeh, 2004
Übersetzer: Wolfgang Kubin |