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Autor
© Doris Poklekowski

Friederike Mayröcker

Österreich

Gast beim ilb 2005

Friederike Mayröcker wurde 1924 in Wien geboren. Im Zweiten Weltkrieg als Luftwaffenhelferin eingezogen, absolvierte sie erst 1950 die »Externistenmatura«, arbeitete aber schon seit 1946 als Englischlehrerin an Wiener Hauptschulen. Ihre ersten Gedichte erschienen in der Wiener Avantgarde-Zeitschrift »Plan«. 1956 wurde ihr Debüt »Larifari. Ein konfuses Buch« veröffentlicht.

Mayröcker stand in loser Verbindung zur »Wiener Gruppe«, setzte sich aber von Anfang an von deren »Konkreter Poesie« ab. Statt den materiellen Charakter der Sprache auszustellen, arbeitet sie vor allem mit ihrem imaginativen Aspekt. Ihr erster Lyrikband »metaphorisch« (1965) enthält acht lange Gedichte. Ein Jahr später erschien »Tod durch Musen« (1966), eine Sammlung, die Gedichte ganz unterschiedlicher Bauformen vereint. Mayröckers vielschichtige Textkonstruktionen stehen in der Tradition von Surrealismus und Dadaismus und zeigen mannigfaltige Einflüsse, darunter die Werke von Beckett, Hölderlin, Freud und Barthes. Zitat und Montage sind zwei zentrale Kompositionstechniken der Dichterin, die sie besonders in ihrem Prosawerk immer wieder darstellt und reflektiert. Dem Zustand unablässiger Aufmerksamkeit und dem Sammeln von sprachlichen Versatzstücken – nicht nur aus der Literatur, sondern aus dem alltäglichen Leben, beispielsweise aus privater Korrespondenz oder Zeitungsartikeln – folgt ein Prozess synthetisierender Überarbeitung, aus dem neuartige und dichte, oft als »magisch« charakterisierte Textgebilde entstehen.

Seit sich Mayröcker 1969 von ihrer Lehrtätigkeit beurlauben ließ, ist der Hauptteil ihres Werkes erschienen, das mittlerweile über achtzig Titel umfasst: neben Gedichtbänden auch Erzählungen, Bühnentexte, Kinderbücher und Hörspiele. Für »Fünf Mann Menschen« (1969), das sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Ernst Jandl verfasste, erhielten beide den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Bis heute wurde Mayröcker mit zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Großen Österreichischen Staatspreis, dem Friedrich-Hölderlin-Preis, dem Georg-Büchner-Preis und dem Premio Internazionale. Wie in einigen Titeln ihrer Hörspiele anklingt – »Die Umarmung nach Picasso« (1986), »Repetitionen, nach Max Ernst« (1989) oder »Schubertnotizen oder Das unbestechliche Muster der Ekstase« (1987) – nährt sich ihr Werk auch aus dem Dialog mit der Musik und der bildenden Kunst. Mayröcker integriert mitunter eigene Zeichnungen in ihre Texte und ist damit auch in Ausstellungen hervorgetreten.

Die anfangs deutlich experimentelle Schreibweise näherte sich in Mayröckers späteren Werken formal immer mehr einem nahtlos verschliffenen Erzählstrom. Schon »brütt oder Die seufzenden Gärten« (1998) überraschte mit seiner Romanform. Seit dem Tod Ernst Jandls im Jahr 2000 schrieb Mayröcker mehrere Prosastücke über ihn und ihr gemeinsames Leben, darunter »Requiem für Ernst Jandl« (2001) und zuletzt »Und ich schüttelte einen Liebling« (2005). Bezugspunkt und bleibender Gesprächspartner ist Jandl auch in vielen ihrer neueren Gedichte, die u.a. in »Gesammelte Gedichte. 1939-2003« (2003) aufgenommen sind. Mayröcker gilt als eine der bedeutendsten Stimmen zeitgenössischer deutschsprachiger Lyrik. Sie lebt in Wien.

© internationales literaturfestival berlin

BIBLIOGRAFIE:

 

Larifari

Bergland

Wien, 1956

 

Metaphorisch

E. Walther

Stuttgart, 1965

 

Minimonsters Traumlexikon

Rowohlt

Reinbek, 1968

 

Fantom Fan

Rowohlt

Reinbek, 1971

 

Tod durch Musen

Luchterhand

Darmstadt, Neuwied, 1973

 

Sägespäne für mein Herzbluten. Und andere Gedichte

Rainer-Verlag

Berlin, 1973

 

Schriftungen oder Gerüchte aus dem Jenseits

Pfaffenweiler Presse

Pfaffenweiler, 1975

 

Das Licht in der Landschaft

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1975

 

Fast ein Frühling des Markus M.

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1976

 

Heisze Hunde

Pfaffenweiler Presse

Pfaffenweiler, 1977

Ill: Ernst Jandl

 

Rot ist unten

Jugend und Volk

München, 1977

 

Heiligenanstalt

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1978

 

Schwarmgesang: Szenen für die poetische Bühne

Rainer-Verlag

Berlin, 1978

 

Ein Lesebuch

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1979

 

Die Abschiede

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1980

 

Fünf Mann Menschen

[mit Ernst Jandl]

Klett

Stuttgart, 1984

 

Reise durch die Nacht

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1984

 

Blauer Streusand

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1987

 

Mein Herz, mein Zimmer, mein Name

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1988

 

Das Herzzerreißende der Dinge

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1990

 

Stilleben

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1991

 

Veritas: Lyrik und Prosa. 1950-1992

Reclam

Leipzig, 1993

 

Lection

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1994

 

Den Fliegenschrank aufgebrochen

Kleinheinrich

Münster, 1995

 

Notizen auf einem Kamel: Gedichte 1991–1996

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1996

 

Das zu Sehende, das zu Hörende

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1997

 

Brütt oder Die seufzenden Gärten

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1998

 

Benachbarte Metalle

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1998

 

Requiem für Ernst Jandl

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 2001

 

Mein Arbeitstirol: Gedichte 1996-2001

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 2003

 

Die kommunizierenden Gefäße

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 2003

 

Gesammelte Gedichte. 1939-2003

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 2003

 

Und ich schüttelte einen Liebling

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 2005

 

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