Gast des ilb 2007
Elif Shafak wurde 1971 als Tochter türkischer Eltern in Straßburg geboren. Nach deren Scheidung lebte sie in der Türkei bei ihrer Mutter, die später als Diplomatin nach Spanien und Jordanien ging, wo Shafak aufwuchs. Sie studierte schließlich Soziologie und Kommunikationswissenschaften an der Middle East Technical University in Ankara und erwarb einen Magistertitel am Fachbereich für Frauen- und Genderstudien. In ihrer Dissertation an der Fakultät für Politikwissenschaft setzt sich Shafak von der aufklärerisch-belehrenden türkischen Moderne ab. In ihren literarischen Werken entwarf sie an Walter Benjamin, Marcel Proust und Ahmet Hamdi Tanpınar geschulte Gegenmodelle, die mit ihrer kosmopolitischen Perspektive gleichwohl nicht als traditionalistisch gelten können.
Shafak nutzte ihre Rückkehr in die Türkei für eine Wiederaneignung und intensive Auseinandersetzung mit ihrer Muttersprache, auf die sie gleichzeitig einen fremden Blick hat. In ihren Werken benutzt sie häufig Begriffe, Wendungen und Konstruktionen aus dem Osmanischen, das in progressiven Kreisen als veraltet und rückwärtsgewandt gilt. Shafak setzt es jedoch spezifisch poetisch ein. »Als wäre die Autorin von der Beziehung, die sie mit der Sprache eingegangen ist, so verzaubert, dass sie nur schreibt, um diese schönen Worte sagen zu können«, urteilte der Kritiker Cem Erciyes. Mit ihrem ersten Roman, »Pinhan« (1997; Ü: Der Verborgene), schrieb sich Shafak in die erste Reihe einer Schriftstellergeneration, die türkische Identität neu definiert. Der Roman wurde mit dem Rumi-Preis ausgezeichnet, der die besten Arbeiten mystischer, transzendentaler Literatur würdigt. Er geht Spuren des Sufismus, der islamischen Mystik, nach. Seitdem veröffentlichte Shafak in kurzer Folge fünf weitere Romane. »Şehrin Aynaları« (2000; dt. »Spiegel der Stadt«, 2004) wurde vom Verband türkischer Schriftsteller zum besten Roman des Jahres gekürt. »The Saint of Incipient Insanities« (2004; dt. »Die Heilige des nahenden Irrsinns«, 2005) verfasste Shafak erstmals auf Englisch. Darin erzählt sie von der Identitätssuche dreier junger Männer aus Marokko, Spanien und der Türkei, die sich in der amerikanischen Stadt Boston in einem neuen Leben zurechtfinden müssen. In ihrem jüngsten Werk »The Bastard of Istanbul« (2006; dt. »Der Bastard von Istanbul«, 2007) ist eine junge Halbarmenierin die Hauptfigur, die in Amerika aufwächst und in der Türkei nach ihren Wurzeln sucht. Aufgrund von Äußerungen einiger Romanfiguren wurde Shafak wegen »Verunglimpfung des Türkentums« angezeigt. Der Prozess endete nach einem halben Jahr mit einem Freispruch.
Shafak ist auch als Journalistin und Dozentin in der Türkei und den USA tätig. Zurzeit arbeitet sie als Assistenzprofessorin an der University of Arizona in Tucson.
© internationales literaturfestival berlin
Elif Shafak online: www.elifsafak.net
BIBLIOGRAFIE:
Kem Gözlere Anadolu
Evrensel Basim
Ankara, 1994
Pinhan
Ileti im Yanınları
Istanbul, 1998
Mahrem
Metis Yanınları
Istanbul, 2000
Bit palas
Metis Yanınları
Istanbul, 2002
Spiegel der Stadt
Literaturca
Frankfurt/Main, 2004
[Ü: Beatrix Caner]
Die Heilige des nahenden Irrsinns
Eichborn
Frankfurt/Main, 2005
[Ü: Margarete Längsfeld]
Med-Cezir
Metis Yayınları
İstanbul, 2005
Baba ve piç
Metis Yayınları
İstanbul, 2006
Bütün yapıtları
Metis Yayınları
İstanbul, 2006
Der Bastard von Istanbul
Eichborn
Frankfurt/Main, 2007
[Ü: Juliane Gräbener-Müller]
Übersetzer: Beatrix Caner, Juliane Gräbener-Müller, Margarete Längsfeld
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