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Inger Christensen

Dänemark

Gast beim ilb 2001, 2005

Inger Christensen wurde 1935 im dänischen Vejle geboren. Sie studierte zunächst Medizin, ließ sich dann zur Lehrerin ausbilden und war 1963-64 an der Kunsthochschule in Holbæck tätig. Danach entschied sie sich für die freiberufliche Schriftstellerexistenz. Obgleich sie auch einen Roman, Erzählungen, Essays, Hörspiele, ein Drama und ein Opernlibretto verfasste, wurde Christensen vor allem mit ihrer sprachgewaltigen Lyrik bekannt. Sie machte sich außerdem um die Übertragung deutschsprachiger Autoren wie Paul Celan und Max Frisch ins Dänische verdient.

Christensen gilt als bedeutendste lebende Dichterin Dänemarks. Ihr schriftstellerisches Debüt gab sie 1962 mit dem Gedichtband »Lys« (Ü: Licht), dem ein Jahr später »Græs« (Ü: Gras) folgte. Die ebene, gleichförmige Landschaft ihrer Heimat, deren Pflanzen und Tiere, der Strand, das Meer, die schneereichen Winter haben die Topographie vieler ihrer Gedichte bestimmt. Die Thesen über die angeborene Sprachfähigkeit des Menschen, mit welchen der amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky in den sechziger Jahren an die Öffentlichkeit trat, gaben Christensen einen weiteren entscheidenden Impuls für ihre poetische Arbeit. Internationale Aufmerksamkeit erfuhr sie mit den beiden Großgedichten »Det« (zweisprachige dt. Ausgabe: »Det / Das«, 2002) von 1969 und »Alfabet« (zweisprachige dt. Ausgabe: »Alfabet / Alphabet«, 1988) von 1981, denen sie mathematische Ordnungsmodelle zugrundelegte. In den Bereich dieser sogenannten Systemdichtung fällt auch ihr Lyrikband »Brev i april« (1990; dt. »Brief im April«, 1990).

In ihren Gedichten wie auch in ihren Essays zur Poetik befragt Christensen das Verhältnis von Ich und Welt. Sie begreift ihre Gedichte als Lektüren des Universums, sprachliche Annäherungen an eine ideale Harmonie von Ich, Sprache und Kosmos. Beeinflusst ist sie dabei auch von der romantischen Vorstellung einer Verschmelzung von Wort und Phänomen. Das dialektische Verhältnis von Unlesbarkeit und Lesbarkeit, Ich und Welt, Sprache und Individuum wird nicht aufgelöst zugunsten einer positiven Festschreibung, eines Sich-außerhalb-der-Welt-Stellens, sondern aufrechterhalten als produktiver »Fieberzustand« eines »Eingeborenen, der seine Welt nie von außen sehen kann«: »Und mein Gedicht wird dasselbe Verhältnis zum Weltall haben wie das Auge, das seine eigene Netzhaut nicht sehen kann.« Dabei sind die Übergänge zwischen der Dichterin und der Essayistin Christensen fließend: So wie lyrische Figuren und Motive ihren Essays eine eigene Dichte geben, kehren Gedankenfiguren und Ideenkonfigurationen in den Gedichten wieder, nicht als Fremdkörper, sondern als organischer Bestandteil.

Nach dem Essayband »Hemmelighedstilstanden« (2000; dt. in der Ausgabe »Der Geheimniszustand und das ›Gedicht vom Tod‹«, 1999) wurde zuletzt Christensens Hörspiel »Masser af sne til de traengende får« (1971; dt. »Massenhaft Schnee für die darbenden Schafe«, 2002) ins Deutsche übersetzt. Für ihr Werk ist sie unter anderem mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur und mit dem Nordischen Preis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet worden. Sie lebt in Kopenhagen.

© internationales literaturfestival berlin

BIBLIOGRAFIE:

 

Lys og Græs

Gyldendal

Kopenhagen, 1989

 

Alfabet

Kleinheinrich

Münster, 1990

Übersetzung: Hans Grössel

 

Brief im April

Kleinheinrich

Münster, 1990

Übersetzung: Hans Grössel

 

Das gemalte Zimmer

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1996

Übersetzung: Hans Grössel

 

Ein chemisches Gedicht zur Ehren der Erde

Residenz-Verlag

Salzburg, Wien, 1997

Übersetzung: Hans Grössel

 

Das Schmetterlingstal

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1998

Übersetzung: Hans Grössel

 

Der Geheimniszustand und das »Gedicht vom Tod«

Hanser

München, Wien, 1999

Übersetzung: Hans Grössel

 

Massenhaft Schnee für die darbenden Schafe

Edition Korrespondenzen

Wien, 2002

Übersetzung: Hans Grössel

 

Det / Das

Kleinheinrich

Münster, 2002

Übersetzung: Hans Grössel

Graes / Gras. Vierzehn frühe Gedichte
Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe
Detmold, 2005
Übersetzung: Hans Grössel

Übersetzer: Hanns Grössel

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