Gast beim ilb 2005
Søren Ulrik Thomsen, geboren 1956 in Kalundborg,
verbrachte seine Kindheit auf der Halbinsel Stevns südlich von
Kopenhagen. 1972 zog er in die dänische Hauptstadt. Seit seinem Debüt
»City Slang« (1981) publizierte er fünf weitere Gedichtsammlungen,
darunter »Hjemfalden« (1991; dt. »Anheimgefallen«, 1993) und »Det
værste og det bedste« (2002; Ü: Das Schlimmste und das Beste), sowie
die theoretischen Schriften »Mit lys brænder« (1985; Ü: Mein Licht
brennt), »En dans på gloser« (1996; Ü: Ein Tanz auf Worten) und
zusammen mit Frederik Stjernfelt »Kritik af den negative opbyggelighed«
(2005; Ü: Kritik der negativen Erbaulichkeit). 1998 erschien unter dem
Titel »Jeg er levende« (Ü: Ich bin am Leben) Jørgen Leths umfassendes
filmisches Portrait des Autors.
»Wenn ich mit einem neuen Buch beginne«, so Søren Ulrik Thomsen in
»En dans på gloser«, »packe ich die chirurgischen Instrumente aus, die
ich bislang verwendet habe, und stelle fest, dass sie inzwischen rostig
geworden sind, denn sie wurden bei meiner Behandlung eines spezifischen
Materials geformt und sind nicht geeignet für den Umgang mit einem
anderen«. Das wahre Handwerk des Dichters liege darin, dem jeweiligen
Thema mit der ihm gemäßen Form zu begegnen. Dass sich ein Gedicht für
Thomsen dabei im Spannungsfeld von tendenziell bedeutungslosem »Gesang«
und bedeutsamer »Theorie« bewegt, zeigt sich in seiner eigenen Lyrik
aufs Deutlichste: Thomsen schreibt betörend musikalische Texte, die
sich selbst immer wieder als solche reflektieren. Dabei widmet er sich
den unterschiedlichsten Erfahrungswelten. »City Slang« etwa lotet das
Verhältnis von Stadt und Körper aus, »Ukendt under den samme måne«
(1982; Ü: Unbekannt unter demselben Mond) die Welt des Mystischen,
Erotischen, Ekstatischen, und »Hjemfalden« versucht, das fundamental
Menschliche, die Bedingungen unserer Existenz – und die der Poesie – zu
fassen. Besonders bemerkenswert ist der zuletzt erschienene,
großformatige und illustrierte Band »Det værste og det bedste«.
Inspiriert von Charles Bukowskis Gedicht »the worst and the best« zählt
Thomsen in 21 Texten à 27 Zeilen das für ihn jeweils »Beste« und
»Schlechteste« auf, oft einfache Dinge wie ein bestimmter Platz in
einem bestimmten Kopenhagener Café oder der Tod einer Katze. Hier kommt
auf beeindruckende Weise zusammen, was Thomsens Lyrik auszeichnet:
formale Präzision, eine klare und gleichzeitig musikalische Sprache und
eine äußerst persönliche Perspektive, die sich ins Universale und immer
wieder ins Poetologische erweitert.
Der Autor trat auch als Übersetzer hervor und übertrug mit Jørgen
Mejer Sophokles’ »König Oedipus« (1990) und Euripides’ »Die
Phönikerinnen« (1998) ins Dänische. Seit 1995 ist Thomsen, der mit
zahlreichen nationalen Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet
wurde, Mitglied der Dänischen Akademie. Er lebt in Kopenhagen.
© international literature festival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Ukendt under den samme måne
Vindrose
Kopenhagen, 1982
Nye digte
Vindrose
Kopenhagen, 1987
Min skolevej
Vindrose
Kopenhagen, 1989
Hjemfalden / Anheimgefallen
Kleinheinrich
Münster, 1993
Übersetzung: Ursula Schmalbruch
Ill: Annemette Larsen
Det skabtes vaklen
Vindrose
Kopenhagen, 1996
En dans på gloser
Vindrose
Kopenhagen, 1996
City Slang
Vindrose
Kopenhagen, 2001
Ukendt under den samme måne
Vindrose
Kopenhagen, 2001
Mit lys brænder
Vindrose
Kopenhagen, 2001
Det værste og det bedste
Vindrose
Kopenhagen, 2002
Kritik af den negative opbyggelighed
[mit Frederik Stjernfelt]
Vindrose
Kopenhagen, 2005
Übersetzer: Angelika Gundlach, Ursula Schmalbruch |