Gast beim ilb 2005
Shauna Singh Baldwin wurde 1962 im kanadischen
Montreal geboren. Sie wuchs in Indien auf und fasste schon im Alter von
elf Jahren den Entschluss, Schriftstellerin zu werden. Nachdem sie ein
Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Marquette University in
Milwaukee mit dem Magistertitel abgeschlossen hatte, arbeitete sie
zunächst als IT-Beraterin. Daneben veröffentlichte sie in den USA,
Kanada und Indien Kurzgeschichten, Gedichte und Essays in
Literaturmagazinen. 1991 bis 1994 produzierte sie die Sendung »Sunno!«
(Ü: Hör zu!) – eine »südostasiatisch-amerikanische Radioshow, der man
auch zuhören kann, wenn man nicht südostasiatischer Herkunft ist«. Nach
der Ausstrahlung einiger Kurzgeschichten Baldwins wünschten sich Hörer
weitere Episoden. So entstand Baldwins Buch »English Lessons and Other
Stories« (1996; Ü: Englischstunden und andere Geschichten). Die
Kurzgeschichten erzählen von Frauen aus Baldwins drei Ländern: Indien,
Kanada und den Vereinigten Staaten. Der Band, der mit dem Friends of
American Writers Award ausgezeichnet wurde, führt Baldwins zentrales
Thema ein: die Suche nach gelebter Humanität in einem kulturell
hybriden Umfeld verschiedener Generationen, Nationen, Religionen,
Geschichtsinterpretationen und Ideologien.
1999 erschien Baldwins erster Roman »What the Body Remembers« (dt.
»Das geteilte Haus«, 2000). Er basiert auf der Familiengeschichte der
Autorin und ist im britisch besetzten Indien jener Dekade angesiedelt,
die der Teilung des Landes im Jahre 1949 vorausging. Die damaligen
politischen Umstände spiegeln sich in der Geschichte zweier Frauen, die
in einer Vielehe mit einem Mann verheiratet sind, den sie – wie es
üblich ist – »Sardarji« (Herr) nennen. Die Erstfrau Satya bekämpft
stolz und kompromisslos ihre junge Nebenbuhlerin Roop. Diese entwickelt
sich im Verlauf der Handlung von einem naiven, ehrgeizigen Mädchen zu
einer verantwortungsbewussten Frau. Nach der Eskalation der politischen
Konflikte verlassen die britischen Kolonialherren den Subkontinent, der
nun in einen hinduistischen und einen islamischen Teil zerfällt.
Sardarji, der als Sikh weder den Hindus noch den Moslems angehört,
findet sich zwischen den Fronten. Baldwins Roman wurde mit dem
Commonwealth Writer’s Prize for Best Book in der Sparte Kanada/Karibik
ausgezeichnet und stand wochenlang auf den Bestsellerlisten der großen
englischsprachigen Länder.
Shauna Singh Baldwins letztes Werk »The Tiger Claw« (2004; Ü: Die
Tigerkralle) wurde für den kanadischen Giller Prize nominiert. Der
Roman spielt im Europa des Zweiten Weltkriegs. Die Hauptfigur ist von
der historischen Figur Noor Inayat Khan inspiriert, einer Spionin und
Widerstandskämpferin der Resistance. Sie steht zwischen dem liberalen
Sufismus ihres Vaters, dem orthodoxen Islam ihres Onkels und ihrer
verbotenen Liebe zu einem Juden. Nachdem Baldwin für ihren Roman die
Lebensumstände unter dem Faschismus studiert hatte, entdeckte sie
verstörende Parallelen zu der Sicherheitspolitik, die von ihrer
Wahlheimat USA betrieben wird und die die Mittel zum Zweck heiligt.
Wenn Baldwin auch alle verschiedenen Positionen – selbst die von Noors
Nazi-Widersacher – als verständlich beschreibt, prangert sie doch
Rassismus als den Hauptgrund für Krieg an. »Für mich handelt die
Geschichte vom Triumph der Liebe und Hoffnung über Kräfte, die
versuchen, unser Mitgefühl und unsere Humanität zu töten. Sie handelt
von Liebe jenseits der körperlichen Existenz«, sagt die Autorin.
Baldwin lebt mit ihrem Mann in Milwaukee.
© internationales literaturfestival berlin
Shauna Singh Baldwin online: www.shaunasinghbaldwin.com
BIBLIOGRAFIE:
Foreign Visitor´s Survival Guide to America
[mit Marilyn Levine]
John Muir
Santa Fe, 1992
English Lessons and other stories
Goose Lane Editions
New Brunswick, 1999
What the Body Remembers
Anchor Books
New York, 1999
Das geteilte Haus
Goldmann
München, 2002
Übersetzung: Monika Schlitzer, Gloria Ernst
The Tiger Claw
Vintage Canada
Toronto, 2005
Übersetzer: Gloria Ernst, Monika Schlitzer
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