Gast beim ilb 2005
Russell Banks wurde 1940 in Newton, Massachusetts,
geboren und wuchs in New Hampshire auf. Er entstammt der Arbeiterklasse
und besuchte als erster aus seiner Familie die Universität. Neben
seinem Studium malte er und arbeitete als Schuhverkäufer und Klempner.
Im Alter von 35 Jahren veröffentlichte er sein erstes Buch. Daneben
erschienen seine Kurzgeschichten und Essays in Zeitschriften wie
»Vanity Fair«, »The New York Times Book Review«, »Esquire« und
»Harper’s«. Er unterrichtete an verschiedenen Universitäten, zuletzt in
Princeton.
Banks’ Geschichten sind häufig in dem Milieu angesiedelt, aus dem er
stammt. Im Mittelpunkt stehen starke Persönlichkeiten, deren Idealismus
sie oftmals zu extremen Handlungen verleitet. Zartgefühl und
Grausamkeit liegen hier eng beieinander, was Banks in bester
amerikanischer Erzähltradition realistisch, authentisch und spannend
darstellt. Dabei geben die Geschichten mit Mitgefühl und Humor dem
beschränkten Ausdrucksvermögen der Protagonisten eine differenzierte
Stimme und entfalten ihre unaufdringlich moralische Wirkung. 1995
erschien »Rule of the Bone« (dt. »Gangsta Bone«, 1996), eine Art
Entwicklungsroman in der Tradition von Twains »Huckleberry Finn« und
Salingers »Catcher in the Rye«. Die jugendliche Hauptfigur ist ein
drogensüchtiger Kleinkrimineller, der sich sehnsüchtig nach besseren
Verhältnissen gegen die Verkommenheit auflehnt, die ihn umgibt und ihm
keine Chance zu geben scheint. In epischem Monolog und stilsicher
eingesetztem Jugendslang wird berichtet, wie er Posen ausprobiert,
Phasen durchläuft und prägende Bekanntschaften macht, bis seine
Getriebenheit von erwachsener Selbstbestimmung abgelöst wird. Weniger
optimistisch endet der Roman »Cloudsplitter« (1998; dt. »John Brown,
mein Vater«, 2000), der einen amerikanischen Mythos bearbeitet. John
Brown – Michael Kohlhaas ähnlich und wie dieser eine historische Figur
– war ein religiös motivierter Gegner der Sklaverei, der vom Aktivisten
zum militanten Fanatiker wurde. Nach einem selbstmörderischen Überfall
auf ein Munitionsdepot in den Südstaaten, der einen Sklavenaufstand
auslösen sollte, wurde er hingerichtet. Erzählt wird aus der
Perspektive des zweiflerischen Sohnes, der ein ambivalentes Verhältnis
zu seinem tyrannischen Vater hat.
Zwei von Banks’ Romanen, »The Sweet Hereafter« (1991; dt. »Das süße
Jenseits«, 1998) und »Affliction« (1989; dt. »Der Gejagte«, 1990),
wurden bereits erfolgreich verfilmt. Die Filmversionen von »Continental
Drift« (1985; dt. »Gegenströmung«, 1987) und »Rule of the Bone« sind in
Vorbereitung. Banks, dessen Werke in mehr als zwanzig Sprachen
übersetzt wurden, erhielt zahlreiche Preise, darunter den John Dos
Passos Award und den Literaturpreis der American Academy of Arts and
Letters. Er war vier Jahre lang Präsident des International Parliament
of Writers, das sich besonders für verfolgte Schriftsteller einsetzte,
und ist seit 2004 New York State Author. Sein bislang letzter Roman,
»The Darling«, erschien 2004. Er lebt in Keene, New York, und Saratoga
Springs.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
The Relation of my Imprisonment
HarperCollins
New York, 1996
Das süße Jenseits
Goldmann
München, 1998
Übersetzung: Kerstin Gleba
Cloudsplitter
Secker & Warburg
London, 1998
Gegenströmung
Goldmann
München, 2000
Übersetzung: Günther Ohnemus
Gangsta Bone
Goldmann
München, 2000
Übersetzung: Hans M. Herzog
John Brown, mein Vater
Luchterhand
München, 2000
Übersetzung: Inge Leipold
The Angel on the Roof
Secker & Warburg
London, 2000
Der Gejagte
Goldmann
München, 2001
Übersetzung: Karin Tschumper, Brigitta Neumeister
The Darling
HarperCollins
New York, 2004
Übersetzer: Kerstin Gleba,
Hans M. Herzog, Inge Leipold, Matthias Müller, Brigitta Neumeister,
Günter Ohnemus, Benjamin Schwarz, Karin Tschumper |