Gast beim ilb 2005
Rae Armantrout wurde 1947 in Vallejo, in der Nähe
von San Francisco, geboren. Während ihres Studiums in Berkeley und San
Francisco war sie in der literarischen Szene aktiv, aus der die
»Language Poets« hervorgingen. Sie beteiligte sich an der Etablierung
verschiedener kultureller Projekte in der kalifornischen Bay Area und
unterrichtet seit mehr als 20 Jahren Literatur sowie Kreatives
Schreiben an der University of California, San Diego.
Die »Language Poets« gelten als prominenteste amerikanische Gruppe
postmoderner Lyriker. Armantrout wird als ihre poetischste Vertreterin
beschrieben. Ihre Gedichte beschäftigen sich mit der Phrasenhaftigkeit
des symbolischen Systems der Sprache, dem sie mit vorsichtigem
Misstrauen begegnet, weil es eine moralisch fragwürdige Wirklichkeit
affirmiert und reproduziert. »Ich glaube, ich würde nicht schreiben,
wenn ich nicht gegen Normen anschreiben würde«, sagt Armantrout, die
ihr Werk auch als »genaue Beobachtung der Eingriffe des Kapitalismus in
das Bewusstsein« beschreibt. Gleichzeitig hinterfragt die Dichterin
ihre eigene Sprache und vollzieht damit einen dekonstruktiven Prozess.
In ihren kurzen, sorgfältig kombinierten Gedichten vermischt sie
Stilebenen, verfremdet Zitate, inszeniert provokative Zufälle sowie
sprachliche Unfälle und setzt auffällige Pointen. Die so präparierten
Texte werden holprig, heterogen und opak. Auch die überraschenden
Umbrüche der knappen Zeilen tragen dazu bei, dass der Lesefluss gehemmt
wird und die alltagssprachlichen Gedichte eine irritierende
Vieldeutigkeit entfalten. Ihrem ersten Gedichtband, »Extremities«
(1978; Ü: Extremitäten), folgten bislang sieben weitere, die zum
Beispiel die Konstruktion von Weiblichkeit und Schönheit hinterfragen
oder sich mit Zeit und Erinnerung beschäftigen. 1998 erschien der
autobiografische Band »True« (Ü: Wahr), in dem sich Armantrouts
erzählerisches Talent zeigt. In »Veil« (2001; Ü: Schleier) sind neue
Gedichte mit ausgewählten vereint, unter anderen aus »The Invention of
Hunger« (1979; Ü: Die Erfindung des Hungers), »Precedence« (1985; Ü:
Vorrang), »Made to Seem« (1995; Ü: Hergestellt um zu scheinen) und »The
Pretext« (2001; Ü: Der Vorwand/-text).
Armantrouts Werk wurde zwei Mal mit dem Fund for Poetry Award
ausgezeichnet. Sie erhielt das California Arts Council Fellowship
und war Writer in Residence am Bard-College und dem California College
of Arts and Crafts, Oakland. Ihre Gedichte wurden in zahlreiche
Anthologien aufgenommen, darunter die »Best American Poetry« der
Jahrgänge 1989, 2001 und 2002, »Postmoden American Poetry. A Norton
Anthology« (1994) und »Poems for the Millennium« (1998).
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Extremities
Figures
Berkeley, 1978
Precedence
Burning Deck
Providence, 1985
Necromance
Sun and Moon Press
Los Angeles, 1991
Made to Seem
Sund and Moon Press
Los Angeles, 1995
Writing the Plot About Sets
Chax Press
Tucson, Arizona, 1998
True
Atelos
Berkeley, 1998
The Pretext
Green Integer
Saint Paul, 2001
Veil: New and Selected Poems
Wesleyan University Press
Middleton, 2001
Up to Speed
Wesleyan University Press
Middleton, 2004
Übersetzer: Alexander Schmitz, Richard Weihe |