Gast beim ilb 2005
Arturo Fontaine T. (Talavera) wurde 1952 in Santiago de Chile geboren. Er studierte Philosophie an der Columbia University und an der Universidad de Chile. Fontaine gilt als bedeutender Vertreter der »Nueva Narrativa Chilena«, die das Erbe der »Generación del Boom« genannten Erzähler des magischen Realismus angetreten hat. Er debütierte mit den Gedichtbänden »Nueva York« (1976; Ü: New York) und »Poemas hablados« (1989; Ü: Gesprochene Gedichte). Sein erster Roman »Oír su voz« (1992; Ü: Seine Stimme hören) begeisterte nicht nur Kritiker, sondern hielt sich auch 46 Wochen in den lateinamerikanischen Bestsellerlisten. Er zeichnet ein profundes und kritisches Porträt der chilenischen Gesellschaft, das sich in der Tradition der großen Romane des 19. Jahrhunderts bewegt. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Neuordnung Chiles unter General Pinochet wird von den Machenschaften einer Gruppe von Geschäftsleuten und von einer leidenschaftlichen Liebe erzählt. Mit feinem Gefühl für sprachliche Nuancen zeichnet Fontaine eine komplexe Gesellschaftsstruktur nach, indem er deren Vielstimmigkeit zu Wort kommen lässt. »Die Macht wird immer von der Sprache ausgeübt. Es gibt keine menschliche Macht, die nicht in Sprache gekleidet ist. In ›Oír su voz‹ ist eine Vielzahl von Jargons und Sprachen versammelt, die sich durch ihre Nebeneinanderreihung relativieren, gegenseitig destabilisieren und enthüllen, was sie sind: Sprachen, Deutungen. Es gibt keinen einheitlichen Ton …, sondern eine Verschränkung verschiedener Töne, uneinheitlicher linguistischer Materialien.«
Fontaines besonderes Interesse gilt der Wechselwirkung, die zwischen der gesellschaftlichen Ordnung und dem Gefühlsleben des Individuums besteht. Sein zweites Epos, »Cuando éramos inmortales« (1998; Ü: Als wir unsterblich waren), ist ein autobiografisch inspirierter Entwicklungsroman. Er zeichnet den Modernisierungsprozess Chiles in den sechziger Jahren mit seinen sozialen und ideologischen Kämpfen am Beispiel einer Großgrundbesitzerfamilie nach. Emilio – der Name des Protagonisten spielt auf Rousseaus »Émile« an – muss erleben, wie mit der alten gesellschaftlichen Ordnung auch sein Gefühl der kindlichen Geborgenheit schwindet. Eine Agrarreform nimmt der Familie ihre angestammten Pfründe, die Eltern lassen sich scheiden. In den Quälereien seiner Mitschüler erfährt Emilio eine Vorahnung der kommenden Militärdiktatur, bevor er sich auflehnt und eine Neuorientierung wagt.
Fontaine arbeitet als Professor für Philosophie an der Universidad de Chile. Daneben ist er Direktor des Centro de Estudios Públicos. Diese nicht-kommerzielle akademische Vereinigung hat sich der Erforschung jener Prinzipien, Traditionen und Institutionen verschrieben, auf denen eine freie, pluralistische und demokratische Gesellschaftsordnung basiert. Fontaine veröffentlicht regelmäßig Essays zu politischen Fragen und kulturellen Themen, u.a. in »El Mercurio«, »Nexos« (Mexiko) »Revista de Libros« (Madrid) und »Página 12« (Argentinien).
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Nueva York
Editorial Univesitaria
Santiago, 1976
Poemas hablados
Francisco Zegers
Santiago, 1989
Cuando éramos inmortales
Alfaguara
Santiago, 1999
Oír su voz
Alfaguara
Santiago, 2003
Übersetzer: Petra Strien |