Gast beim ilb 2004, 2005
Juri Andruchowytsch wurde 1960 in Iwano-Frankiwsk, Ukraine, geboren. Nach dem Journalistik-Studium in Lwiw begann 1982 seine literarische Karriere mit der Veröffentlichung von Gedichten in Literaturzeitschriften. Der Militärdienst in der Roten Armee inspirierte ihn zu einem Drehbuch, das 1991 unter dem Titel »Oxygen Starvation« verfilmt wurde, sowie zu sieben Erzählungen, die 1989 publiziert wurden. Schon 1985 war »Nebo i ploschtschi« (Ü: Himmel und Felder), der erste von bisher vier Gedichtbänden, erschienen. Ebenfalls 1985 gründete er zusammen mit Viktor Neborak und Oleksander Irwanets die Performancegruppe »Bu-Ba-Bu« (Burlesk-Balagan-Buffonada), die insbesondere von 1988 bis 1992 – auf dem Höhepunkt ihres Schaffens – nachhaltigen Einfluss auf die ukrainische Literaturszene nahm. Ihren Unmut gegenüber dem Sozialistischen Realismus äußerten die Künstler performativ in satirischen, lautpoetischen und karnevalesken Gedicht-Experimenten. Auch in den Romanen »Rekreatsij« (1992, Ü: Feiertage), »Moscoviada« (1993, Ü: Moskowiade) und »Perverzija« (1996, Ü: Perversion), die Juri Andruchowytsch zum kontroversesten Autor der ukrainischen Gegenwartsliteratur machten, sind die stilistischen Vorlieben für das Vielschichtige und Grotesk-Karnevaleske unübersehbar. Die surreale Satire »Rekreatsii« thematisiert die gesellschaftliche und politische Situation der Ukraine unmittelbar vor der Unabhängigkeit. »Moscoviada« ist ein Abgesang auf die Sowjetunion und basiert auf Beobachtungen, die Andruchowytsch während seines Aufenthalts am Maxim-Gorki-Institut von 1989 bis 1991 in Moskau machte. »Perverzija«, eine postmoderne Variante von »Der Tod in Venedig«, zeichnet sich durch eine komplexe Struktur, eine Fülle von Motiven, Handlungssträngen, narrativen Elementen und eine barocke Lust an Sprachspielereien aus.
Beweggrund für Andruchowytschs »literarischen Aktivismus« ist die besondere geografische und kulturelle Situation seines Heimatlandes. Mit dem Beitritt Polens an die Außengrenze der EU gerückt, ist die Ukraine in Westeuropa und den USA noch immer weitgehend eine »terra incognita«. 2003 initiierte er »Potyah 76« (Ü: Zug 76), ein Internetmagazin in ukrainischer und polnischer Sprache, das nicht zuletzt vor dem Hintergrund des gemeinsamen galizischen Literaturerbes interessant ist. Die (Nicht-)Verortung der Ukraine in Europa reflektierte er in »Das letzte Territorium« (2003), einer Essaysammlung in Form einer »fiktiven Landeskunde«. Im Frühjahr 2004 erschien mit »Mein Europa« ein weiterer Essayband – die literarische Dokumentation einer gemeinsamen Reise mit dem polnischen Schriftsteller Andrzej Stasiuk.
Während der »Orangenen Revolution« beteiligte sich Andruchowytsch leidenschaftlich an den Demonstrationen der Opposition. Sein erster ins Deutsche übersetzte Roman, »Dvanadcjat' obrutschiv« (2003; dt. »Zwölf Ringe«, 2005), zeigt das Chaos der postsozialistischen Übergangszeit und die Geburtswehen eines neuen Staates als bunten Reigen huzulischer Folklore, mafiöser Geschäftsleute, Literaten und literarisch inspirierter Figuren, skurriler Typen aus der Werbebranche und wechselnder Liebesbeziehungen. Andruchowytsch wurde mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen gewürdigt, u.a. 2001 mit dem Herder-Preis der Alfred Toepfer Stiftung, einer Auszeichnung für kulturelle Leistungen in Osteuropa, dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis und dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Völkerverständigung 2006. 2005 war er Gast des DAAD in Berlin.
© internationales literaturfestival berlin
Juri Andruchowytsch online: http://liter.net/=/Andrukhovich/
BIBLIOGRAFIE:
Spurensuche im Juli
Brodina
Reichelsheim, 1995
Übersetzung: Anna-Halja Horbatsch
Reich mir die steinerne Laute [ Hg.]
Brodina
Reichelsheim, 1996
Übersetzung: Anna-Halja Horbatsch
Recreations
CIUS Press
Toronto/Edmonton, 1998
Übersetzung: Marko Pavlyshyn
Perverzion
Northwestern University Press
Evanston, 2002
Das letzte Territorium
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2003
Übersetzung: Alois Woldan
Mein Europa
[mit Andrzej Stasiuk]
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2004
Übersetzung: Alois Woldan
Zwölf Ringe
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2005
Übersetzung: Sabine Stöhr
Moscoviada
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2006
Übersetzung: Sabine Stöhr
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