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Autor
© Doris Poklekowski

Ljudmila Petruschewskaja

Russland

Gast beim ilb 2003

Ljudmila Petruschewskaja wurde 1938 in Moskau geboren. Sie entstammt einer Intellektuellenfamilie, die über mehrere Generationen, bis zum Beginn der Perestroika, Repressalien ausgesetzt war. Petruschewskaja absolvierte an der Lomonossow-Universität ein Journalistikstudium und arbeitete anschließend von 1957 bis 1973 als Rundfunk- und Fernsehjournalistin. In den Jahren 1974 bis 1982, als sie ihre Werke nicht veröffentlichen konnte, arbeitete sie bei der Literaturzeitschrift „Nowyi Mir“.

Ab 1963 schrieb sie ihre ersten Prosastücke. Ihre Erzählungen protokollieren schonungslos und mit dokumentarischer Genauigkeit die Schattenseiten sowjetischer und postsowjetischer Realität. Sie erzählen von verschwundenen Vätern und alkoholsüchtigen Müttern, von verwahrlosten Kindern und den vergessenen Alten. Sie beschreiben den Kampf ums Überleben im alltäglichen Organisieren und die klaustrophische Enge in zu kleinen Wohnungen. Petruschewskajas Prosa ist zuweilen nüchtern und lakonisch, dann wieder gehetzt, voller Brüche, schiefer Metaphern und Wiederholungen. Nähere Erläuterungen werden nachgeschoben oder in Klammern gesetzt. Wie bei Tschechow, mit dem Petruschewskaja oft verglichen wird, blitzt in der mehrschichtigen Rede der Figuren das Tragische nur in kurzen Anspielungen auf, um sogleich wieder von leeren Worthülsen und Alltagsgeschwätz überdeckt zu werden. Seit den siebziger Jahren hat Petruschewskaja über 30 Dramen verfasst. Zu den bekanntesten Stücken gehört der Einakter „Cinzano“ (1973, dt. unter demselben Titel 1989). Daneben entstanden in den neunziger Jahren auch Märchen, die in Deutschland in den Bänden „Der Mann, der wie eine Rose roch“ (1993) und „Die neuen Abenteuer der schönen Helena“ (1998) veröffentlicht wurden. Ihre neuere Erzählprosa weist einen Zug ins Phantastische auf. In dem Erzählband „Der schwarze Mantel“ (1999) trifft ein Mädchen den Geist des russischen Dichters Alexander Blok in der Datscha ihrer verstorbenen Tante, und eine Frau, deren Sohn Selbstmord vorgetäuscht hat, um an ihre Ersparnisse zu gelangen, befragt einen alkoholkranken Sterbenden, der christusähnliche Züge aufweist, um sich am Ende mit der Relativität ihres eigenen Elends zu trösten.

Petruschewskajas Geschichten deckten sich nicht mit dem von der Partei vorgegebenen heroischen Bild des Arbeiter- und Bauernstaates und unterlagen zum großen Teil der Zensur. Erst im Zuge der Perestroika konnten die Erzählungen und Dramen veröffentlicht werden. Heute zählt sie zu den bekanntesten Autorinnen Russlands. Sie wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. 1995 erschien in Russland eine fünfbändige Werkausgabe. Petruschewskaja lebt in Moskau.

© internationales literaturfestival berlin

 

BIBLIOGRAFIE:

Cinzano
Luchterhand
Frankfurt/Main, 1989
Übersetzung: Rosemarie Tietze

Unsterbliche Liebe: Erzählungen

Volk und Welt

Berlin, 1990

Übersetzung: Antje Leetz und Renate Landa

 

Meine Zeit ist die Nacht: Aufzeichnungen auf der Tischkante

Rowohlt

Berlin, 1991

Übersetzung: Antje Leetz

 

Der Mann, der wie eine Rose roch: Märchen

Fischer

Frankfurt/Main , 1993

Übersetzung: Antje Leetz

 

Auf Gott Amors Pfaden und andere Erzählungen

Rowohlt

Berlin, 1994

Übersetzung: Antje Leetz

 

Die neuen Abenteuer der schönen Helena: Märchen für Erwachsene

Berlin -Verlag

Berlin, 1998

Übersetzung: Antje Leetz

 

Dom devušek

Vagrius

Moskau, 1998

 

Der schwarze Mantel: Erzählungen

Berlin -Verlag

Berlin, 1999

Übersetzung: Antje Leetz

 

Najdi menja, son

Vagrius

Moskau, 2000

 

Most Vaterloo

Vagrius

Moskau, 2001

 

Èemodan èepuchi 

Vagrius

Moskau, 2001

 

Èernoe pal’to 

Vagrius

Moskau, 2002

 

Gde ja byla 

Vagrius

Moskau, 2002

 

Devjatyj tom 

Eksmo

Moskau, 2003

 

Dom s fontanom 

Vagrius

Moskau, 2003

 

Nomer Odin, ili V sadach drugich vozmožnostej

Eksmo

Moskau, 2004

 

Boginja parka

Eksmo

Moskau, 2004

 

Izmenennoe vremja

Amfora

St. Petersburg, 2005

 

Gorod sveta

Amfora

St. Petersburg, 2005

Malenkaja devocka iz „Metropolja“
Amfora
St. Petersburg, 2006

Übersetzer: Renate Landa, Antje Leetz, Esther Kinsky

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