Gast beim ilb 2003
Der Lyriker Gennadij Ajgi
wurde 1934 als Gennadij Nikolajewitsch Lisin in Schaimursino in der
heutigen Republik Tschuwaschien geboren. Er gehörte der ethnischen
Minderheit der Tschuwaschen an, einer Volksgruppe, die entfernt mit den
Hunnen verwandt ist. Sein angenommener tschuwaschischer Name bedeutet
soviel wie »der dort«, »der selbige«. Seine ersten Gedichte in den
fünfziger Jahren erschienen in tschuwaschischer Sprache. Der
Gedichtband, mit dem Gennadij Ajgi 1957 sein Studium am berühmten
Gorkij-Literaturinstitut in Moskau abschließen wollte, wurde abgelehnt.
Durch den Dichterfreund Boris Pasternak angeregt, schrieb er seit 1960
ausschließlich auf Russisch - ein Versuch, die Ausgrenzung sprachlich
zu überwinden. Doch schon 1964 erhielt er ein Publikationsverbot, das
rund 25 Jahre gelten sollte. Trotz der Isolation war Gennadij Ajgi, den
Roman Jakobson als den größten lebenden russischen Dichter bezeichnet
hat, in Deutschland und Frankreich schon bald ein Begriff. 1971 wurde
mit er dem Band »Beginn der Lichtung« in Deutschland zum vielbeachteten
Lyriker. Er übersetzte Dante und Lorca, Majakowski und Walt Whitman in
seine Muttersprache und war Herausgeber einer Anthologie
tschuwaschischer Lyrik. Seine Gedichte erschienen in 23 Ländern, wurden
in 44 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet,
unter anderem mit dem Lyrikpreis der Académie Française (1972), dem
Petrarca-Preis (1993) und dem Boris-Pasternak-Preis (2000).
Ajgis Dichtung speist sich aus tschuwaschischer
Volksüberlieferung und wurzelt in einem tiefempfundenen orthodoxen
Glauben. Zugleich lassen sich eine Vielzahl von literarischen
Vorbildern in seinem Werk ausmachen. Hierzu gehören neben den
französischen Symbolisten wie Baudelaire und Rimbaud die russischen
Futuristen um Majakowski. Charakteristisches Kompositionsprinzip Ajgis
ist die durch Aufbrechen klassischer dichterischer Formen möglich
gewordene extreme Verkürzung und Verdichtung der Sprache: Es gehe ihm
nicht um die Beschreibung der Welt, sondern um die »abstrahierte
Verabsolutierung von Welterscheinungen durch den Dichter. ... Meine
Arbeiten sind keine Symbole, keine Metaphern, keine Allegorien. Meine
Arbeit ist Erwachen durch ein schrilles Licht, wo eine menschliche
Spitze - das Wort - zum Dunstkreis wird, wo sich der Mensch mit der
Natur und dem Universum vereinigt.«
Gennadij Ajgi starb 2006 in Moskau.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Beginn der Lichtung
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 1971
Übersetzung: Karl Dedecius
Leben nach dem Todesurteil
Lamuv
Bornheim, 1982
Aus Feldern Rußland
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 1991
Übersetzung: Felix Philipp Ingold
Dem Dichter des Dichters der Rose. Zehn Gedichte.
Fuchstaler Presse
Denklingen, 1991
Übersetzung: Friederike Kasack
Conversations à distance
Circé
Saulxures, 1994
Gruß dem Gesang
Rainer
Berlin, 1992
Übersetzung: Felix Philipp Ingold
Veronikas Heft
Insel
Berlin, 1993
Übersetzung: Felix Philipp Ingold
Mit Gesang: Zur Vollendung. Ausgewählte Werke Bd. 1
Edition per procura
Wien, 1998
Übersetzung: Felix Philipp Ingold
Blätter in den Wind. Ausgewählte Werke Bd. 2
Edition per procura
Wien, 1998
Übersetzung: Felix Philipp Ingold
Wind vorm Fenster
Erker
St. Gallen, 1998
Übersetzung: Felix Philipp Ingold
Übersetzer: Karl Dedecius, Felix Philipp Ingold, Friederike Kasack, Walter Thümler, Ulrich Werner |