Gast des ilb 2001
Uri Orlev wurde 1931 als Jerzy-Henryk Orlowski in Warschau als Sohn jüdischer Eltern geboren. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er im Warschauer Ghetto. Sein Vater, ein Arzt, kam als Offizier der polnischen Armee in russische Gefangenschaft. Seine Mutter, eine Chemikerin, wurde von den Deutschen erschossen. Eine Tante schmuggelte Orlev und seinen Bruder aus dem Ghetto und versteckte sie bei polnischen Familien. 1943 wurden sie gemeinsam in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Nach der Befreiung durch die US-Armee 1945 gelangten der vierzehnjährige Uri Orlev und sein zwölfjähriger Bruder mit einem Kindertrans-port nach Paris, dann nach Israel, wo Orlev bis 1962 in einem Kibbutz lebte.
Erst 1976 begann Uri Orlev, für Kinder und Jugendliche zu schreiben. Er veröffentlichte seit-dem 31 Bücher für unterschiedliche Altersgruppen. Seine Werke wurden in 25 Sprachen übersetzt. Der Autor übersetzte auch selbst Kinder- und Jugendliteratur vom Polnischen ins Hebräische.
Uri Orlev hat als Kind gelernt, vor den Schrecken des Krieges in ein Reich der Phantasie zu fliehen. Er begriff sie als Abenteuer: »Ich hatte immer viel gelesen und war neidisch auf die schrecklichen, aufregenden Dinge, die Indianern widerfuhren.« Seine Erlebnisse und Träume hielt er in der für Kinder geschriebenen Biographie »Das Sandspiel« (1994) fest. »Irgendwann hatte ich mir ausgedacht, daß der Krieg, die Vernichtung der Juden überhaupt nicht in der Wirklichkeit stattfand. Daß ich das alles nur träumte. In Wirklichkeit war ich der Sohn des chinesischen Kaisers«. Die kindliche Perspektive ist für den Autor nicht nur als literarisches Mittel von Bedeutung: »Mit dem Erzählen über meine Kindheit ist es wie mit einem Gang über einen zugefrorenen See. Ich darf nicht zu feste auftreten, ich darf über meine Kindheit nicht als Erwachsener nachdenken, sonst breche ich ein, tauche unter und finde nicht mehr zu-rück.«
Seine Erfahrungen aus dem Krieg hat er in vielen Romanen verarbeitet, etwa in »Der Mann von der anderen Seite« (1988) und »Die Insel in der Vogelstraße« (1981). Als »Schreiber des Holocaust« sieht er sich aber nicht. Den Wunsch, seine Kindheit zum Thema seines literarischen Schaffens zu machen, habe er schließlich mit vielen anderen Künstlern gemein, da man die Dinge niemals wieder mit der Intensität der ersten Lebensjahre verspüre.
Daß er seit einigen Jahren auch wieder in Deutschland von seinen Geschichten und Erlebnissen erzählt, kann er manchmal selbst nicht fassen. Als Vierzehnjähriger hatte er sich geschworen, nie wieder in dieses Land zurückzukehren. Die Angst, in einem alten Mann den Mörder seiner Mutter vermuten zu müssen, den Haß von damals wieder aufsteigen zu spüren, war zu groß.
Uri Orlev ist einer der renommiertesten israelischen Kinderbuchautoren und wurde unter an-derem mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis (1996) für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Die Jury urteilte: »Auch wenn seine Geschichten im Warschauer Ghetto oder seiner neuen Heimat Israel angesiedelt sind, verliert er niemals die Perspektive des Kindes, das er war [...]. Uri Orlev zeigt, wie Kinder in harten und schwierigen Zeiten ohne Bitterkeit überleben können.«
Uri Orlev lebt heute in Jerusalem. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Das strickende Mütterlein
Atlantis
Zürich, 1981
Übersetzung: Jakob Hessing
Ill: Ora Eytan
Die Insel in der Vogelstraße
Elefanten Press
Berlin, 1986
Übersetzung: Beate Esther von Schwarze
Der Mann von der anderen Seite
Elefanten Press
Berlin, 1990
Übersetzung: Mirjam Pressler
Das Tier in der Nacht
Elefanten Press
Berlin, 1993
Übersetzung: Mirjam Pressler
Das Sandspiel
Beltz & Gelberg
Weinheim, Basel, 1997
Übersetzung: Mirjam Pressler
Der haarige Dienstag
Büchergilde Gutenberg
Frankfurt/Main, 1998
Übersetzung: Mirjam Pressler
Ill: Jacky Gleich
Julek und die Dame mit dem Hut
Beltz & Gelberg
Weinheim, Basel, 1999
Übersetzung: Mirjam Pressler
Die Bleisoldaten
Beltz & Gelberg
Weinheim, Basel, 1999
Übersetzung: Mirjam Pressler
Der Glücksschnuller
Beltz & Gelberg
Weinheim, Basel, 2002
Übersetzung: Mirjam Pressler
Ill: Jacky Gleich
Das Löwengeschenk
Beltz & Gelberg
Weinheim, Basel, 2002
Übersetzung: Mirjam Pressler
Ill: Jacky Gleich
Lauf Junge, lauf
Beltz & Gelberg
Weinheim, Basel, 2004
Übersetzung: Mirjam Pressler
Übersetzerin: Mirjam Pressler |