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Autor
© Doris Poklekowski

 † Friedrich Gorenstein

 Rußland, Ukraine

Gast des ilb 2001

Friedrich Gorenstein wurde 1932 in Kiew, Sowjetunion, geboren. Er verlor früh seine Eltern und wuchs zunächst in einem Waisenhaus, dann bei Verwandten im Kaukasus und in der Ukraine auf. Als Sohn eines »Volksfeinds« – sein Vater, Opfer der Stalinistischen »Säuberungen«, war 1935 verhaftet und erschossen worden – schlug sich Gorenstein als Hilfsarbeiter durch, bevor er in den 1950er Jahren ein Bergbaustudium absolvierte. Gleichzeitig begann er zu schreiben. Von einer einzigen Erzählung abgesehen, die 1964 erschien, durfte seine Prosa jedoch nicht publiziert werden. Um sich seinen Lebensunterhalt zu sichern, spezialisierte sich Gorenstein, nach einem Fernstudium an der Filmakademie in Moskau, auf Drehbücher. Zwar scheiterten auch diese zum Teil an der Zensur, doch es kamen einige Verfilmungen zustande, darunter 1972 Andrej Tarkowskis »Solaris«.

In einen weiteren Konflikt mit der Zensur geriet Friedrich Gorenstein 1979 als Mitglied der Gruppe »Metropol« um Wassili Aksjonow, deren Literaturalmanach trotz einer Minimal-Auflage von zehn Exemplaren verboten wurde. Die Entscheidung zur Emigration hatte Gorenstein zu diesem Zeitpunkt allerdings längst gefällt. Noch im selben Jahr ermöglichte ihm ein Stipendium des DAAD die Ausreise in die Bundesrepublik. Seitdem lebte Gorenstein als freier Schriftsteller in Berlin. Unter dem Titel »Die Sühne« (orig. »Iskuplenie«) erschien 1979 sein erstes Werk in deutscher Übersetzung. Wirklich präsent auf dem deutschen Buchmarkt war der Autor zahlreicher Romane, Erzählungen und Dramen jedoch erst seit den 1990er Jahren. Auch in Rußland wurde er inzwischen entdeckt und mit einer dreibändigen Werkausgabe gewürdigt. Seine Theaterstücke werden auf Moskauer Bühnen gespielt.

Obgleich Gorenstein sich selbst auf Nachfrage ausdrücklich als russischer, nicht als jüdischer Schriftsteller begreift, kreist sein Werk immer wieder um die jüdische Identität. »Antisemitismus, das ist in Rußland und der Ukraine ein Bestandteil der Luft«, erklärte der Autor einmal in einem Interview. Biographische Elemente, wie das doppelte Außenseitertum als Jude und Sohn eines »Verräters«, gingen am deutlichsten in Gorensteins längsten, 1200 Seiten umfassenden Roman »Mesto« (dt. »Der Platz«) ein, der zwischen 1969 und 1972 entstand. Umso erstaunter war die Kritik darüber, daß nicht einmal die Hauptfigur Goscha sich zur Identifikation anbietet. Doch so »unsympathisch bis widerlich« (Schamma Schahadat, NZZ) die Personen dieses Tableaus der Chruschtschow-Ära erscheinen mögen, so einhellig positiv wird ihre literarische Gestaltung beurteilt, wobei selbst der Vergleich mit Dostojewski nicht gescheut wird.

Auf den Spuren jüdisch-russischer Lebensläufe widmete sich Gorenstein immer wieder historischen Künstlerpersönlichkeiten. Der Roman »Letit sebe aeroplan« (dt. »Malen, wie die Vögel singen«, 1996) entstand aus einem Auftrag für ein Szenarium über das Leben Marc Chagalls. In Gorensteins Roman über den russischen Komponisten Alexander Skrjabin (1872-1915) ist das Erbe der Drebuchautor-Tätigkeit auch stilistisch präsent. Filmschnittartig werden hier die Stationen der Selbstmystifizierung eines ebenso genialen wie egomanen Künstlers, der sich als Welterschaffer und -erlöser versteht, vorgeführt. Friedrich Gorenstein starb 2002, kurz vor seinem 70. Geburtstag.

© internationales literaturfestival berlin

BIBLIOGRAFIE:

 

Die Sühne

Luchterhand

Darmstadt, Neuwied, 1979

Übersetzung: Günter Leikauf

 

Tschok-Tschok. Ein philosophisch-erotischer Roman

Rütten & Loening

Berlin, 1993

Übersetzung: Thomas Reschle

 

Skrjabin. Poem der Extase

Aufbau

Berlin, 1994

Übersetzung: Hartmut Herboth

 

Reisegefährten

Rowohlt

Berlin, 1995

Übersetzung: Sylvia List

 

Der Platz

Aufbau

Berlin, 1995

Übersetzung: Renate und Thomas Reschke

 

Malen, wie die Vögel singen

Aufbau

Berlin, 1996

Übersetzung: Renate Horlemann

 

Champagner mit Galle

Aufbau

Berlin, 1997

Übersetzung: Renate und Thomas Reschke

 

Übersetzer: Hartmut Herboth, Renate Holemann, Günter Leikauf, Sylvia List, Renate und Thomas Reschke

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