Gast des ilb 2001
Wilhelm Genazino wurde 1943 in Mannheim geboren. Nach
einem Volontariat bei der Rhein-Neckar-Zeitung in Heidelberg und
Mannheim studierte er Germanistik, Philosophie und Soziologie in
Frankfurt am Main. Er war als freier Redakteur für verschiedene
Zeitungen und Zeitschriften – unter anderem für das satirische
Monatsmagazin »pardon« – tätig, bevor er sich 1971 als freier
Schriftsteller in Frankfurt am Main niederließ. Nach seinem wenig
beachteten Debüt mit dem Roman »Laslinstraße« (1965) wurde Genazino
zunächst als Verfasser von Hörspielen und Sketchen bekannt. Dabei
arbeitete er zum Teil mit dem humoristischen Schriftsteller Peter Knorr
zusammen, mit dem er 1971 die literarische Schreibagentur
»Literatur-Coop« gründete. Seinen Durchbruch als ernsthafter
Schriftsteller feierte Genazino mit der Romantrilogie »Abschaffel«
(1977), »Die Vernichtung der Sorgen« (1978) und »Falsche Jahre« (1979),
auf die bis heute zahlreiche weitere Romane sowie Prosa- und Essaybände
gefolgt sind. Von 1980 bis 1986 war Genazino außerdem Herausgeber und
Redakteur der Literaturzeitschrift »Lesezeichen«. Er ist Mitglied der
Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt, übernahm 1996 das
einjährige symbolische Amt des »Stadtschreibers von Bergen-Enkheim« und
erhielt neben weiteren Auszeichnungen 1998 den Großen Literaturpreis
der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. 2004 wurde er für sein
literarisches Schaffen mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt. Im
Wintersemester 2005/2006 hatte er die Stiftungsgastdozentur Poetik an
der Universität Frankfurt am Main inne. Mit seinen sogenannten
Angestellten-Romanen der 1970er Jahre stellte sich Genazino zunächst in
die Tradition eines kritischen Realismus. Der Entwurf einer
»Phänomenologie des Alltags« aus der Sicht eines Angestellten im
Großraumbüro formuliert zugleich eine Klage über Entfremdung,
Identitätskrise und Wirklichkeitsverlust. Diese Motive bestimmen auch
noch die auf die Abschaffel-Trilogie folgenden Romane »Die
Ausschweifung« (1981) und »Fremde Kämpfe« (1984). Erst mit »Der Fleck,
die Jacke, die Zimmer, der Schmerz« von 1989 verabschiedete sich
Genazino zunehmend vom soziologisch-deterministischen Blick und öffnete
sich, auch stilistisch, einer individualistischeren Lesart des
Alltagslebens. Die Protagonisten seiner heutigen Romane, so formuliert
es der Autor selbst, »wissen, wie schwierig es ist, unabhängig zu sein
– das heißt auch, unabhängig zu fühlen und zu denken –«, aber sie
versuchen es »trotzdem mit einigem Erfolg«. Auf der Suche nach einem
adäquaten Ausdruck für seelische Vorgänge, für die Nichtsprachlichkeit,
in der wir unseren Alltag wahrnehmen, bietet der Dichter zahlreiche
Reflexionen und Betrachtungen von scheinbar unscheinbaren
»Ereignissen«, von Begegnungen mit Worten, Dingen und namenlosen
Menschen an. In seinem 1998 erschienenen Roman, »Die
Kassiererinnen«, begibt sich Genazino auf die Spur eines alternden
Großstadtflaneurs, der sein Verhältnis zur Welt mit der Analyse
»lächerlicher« Situationen und dem Entwurf von Strategien zu ihrer
Vermeidung in den Griff zu bekommen versucht. Den engen Zusammenhang
von Erzählen und Erinnern führt Genazino in seinem Album »Auf der
Kippe« von 2000 vor. Jedem Foto, das hier vorgestellt wird, – der Autor
fand sie den eigenen Angaben zufolge »auf Flohmärkten, bei Trödlern und
in Mischantiquariaten« – schließt sich eine Betrachtung an, eine
mögliche Erinnerung an ein vergessenes Ereignis. Im Erzählen, so die
Meinung Genazinos, wird »das Schicksal der Vergessenheit« beendet, und
die Bilder erhalten die »Dignität von Dokumenten« zurück. Zuletzt
erschienen der Roman „Mittelmäßiges Heimweh“ (2007) sowie „Lieber Gott
mach mich blind“ und „Der Hausschrat“ (2006), zwei Theaterstücke in
einem Band. Der Autor lebt in Heidelberg.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Laslinstraße
Roman
Köln, 1965
Abschaffel
Rowohlt
Reinbek, 1977
Die Vernichtung der Sorgen
Rowohlt
Reinbek, 1978
Falsche Jahre
Rowohlt
Reinbek, 1979
Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz
Rowohlt
Reinbek, 1989
Die Liebe zur Einfalt
Rowohlt
Reinbek, 1990
Aus der Ferne: Texte und Postkarten
Rowohlt
Reinbek, 1993
Die Obdachlosigkeit der Fische
Rowohlt
Reinbek, 1994
Das Licht brennt ein Loch in den Tag
Rowohlt
Reinbek, 1996
Achtung Baustelle
Schöffling & Co
Frankfurt/Main, 1998
Die Kassiererinnen
Rowohlt
Reinbek, 1998
Auf der Kippe
Rowohlt
Reinbek, 2000
Ein Regenschirm für diesen Tag
Hanser
München, 2001
Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman
Hanser
München, Wien, 2003
Der gedehnte Blick
Hanser
München, Wien, 2004
Die Liebesblödigkeit
Hanser
München, Wien, 2005
Die Belebung der toten Winkel. Frankfurter Poetikvorlesungen
Hanser
München, 2006
Lieber Gott mach mich blind. Der Hausschrat. Zwei Theaterstücke
Hanser
München, 2006
Mittelmäßiges Heimweh
Hanser
München, 2007
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