Gast des ilb 2001
Namdeo Dhasal
wurde 1947 in einem Dorf nahe Pune, Indien, geboren. Als Angehöriger
der Dalits, d.h. der Kastenlosen (auch »Unberührbaren«) wuchs er in
größter Armut auf.
Seine Jugend verbrachte er in Golpitha, einem
Rotlichtviertel Mumbais/Bombays, wo sein Vater als Fleischergehilfe
arbeitete. Nach dem Vorbild der amerikanischen Black-Panther-Bewegung
gründete Dhasal 1972 mit Freunden die Dalit-Panther, eine militante
Organisation, die ihren radikalen politischen Aktivismus mit der
Publikation provokativer Schriften begleitete. Dhasal gehörte zu den
berühmtesten und provokativsten Mitgliedern dieser Vereinigung.
Unter dem Titel »Golpitha« erschien 1973 seine
erste, die Literaturszene in Aufruhr versetzende Gedichtsammlung. Es
folgten zahlreiche weitere Lyrikbände, darunter die von maoistischem
Gedankengut inspirierten Gedichte »Moorkh Mhataryane« (Ü: Der
einfältige alte Mann), die Sammlung »Tuhi Iyatta Kanchi?« (Ü: Wie
gebildet bist du?), die erotischen Gedichte »Khel« und »Priya Darshin«
über die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. Neben zwei Romanen
veröffentlichte er politische Bücher wie »Andhale Shatak« (Ü:
Jahrhundert der Blindheit) und »Ambedkari Chalwal«, eine Reflexion der
sozialistischen und kommunistischen Ideen des Gründers der
Dalit-Bewegung B.R. Ambedkar.
1982 begann sich die diese Bewegung aufzuspalten.
Ideologische Streitigkeiten nahmen Überhand und verdrängten das
gemeinsame Ziel. Während Dhasal eine Massenbewegung auslösen wollte,
sich für eine Öffnung des Begriffs Dalit für alle Unterdrückten
einsetzte, beharrte die Mehrheit seiner Mitkämpfer auf der Exklusivität
ihrer Organisation. Schwere Krankheit und Alkoholabhängigkeit
überschatteten die folgenden Jahre, in welchen Dhasal nicht mehr viel
schrieb. In den 1990er Jahren verstärkte sich sein politisches
Engagement wieder. Dhasal ist heute einer der Vorsitzenden der
Republikanischen Partei Indiens, zu der sich alle Dalit-Parteien
vereinigt haben.
Die Tradition der Dalit-Literatur geht weit
zurück, auch wenn der Begriff erst 1958 offiziell eingeführt wurde.
Entscheidende Anregungen erhielt Dhasal etwa von Baburo Bagul, der sich
eines photographischen Realismus bediente, um auf die Zustände
aufmerksam zu machen, in welchen die von Geburt an Entrechteten lebten.
Neu an den Gedichten Dhasals war der offene Bruch mit Form- und
Stilkonventionen. Er beleidigte den herrschenden literarischen
Geschmack mit vulgärsprachlichen Elementen. Zwar schrieb er auf
Marathi, der offiziellen Sprache seines Bundesstaates Maharashtra, aber
er verwendete viele Worte und Ausdrücke, die nur die Dalits gebrauchen.
In »Golpitha« etwa paßte er sich der Sprache des Rotlichtviertels an
und schockierte damit den mittelständischen Leser.
So unterschiedlich die politischen und
künstlerischen Verdienste Dhasals vom Establishment gewertet werden, so
eng gehören sie für den Dichter zusammen. Um das Ziel der sozialen
Kämpfe, die Beseitigung der Unzufriedenheit, zu erreichen, sagte er
1982 in einem Interview, sei Dichtung notwendig, denn sie sei ein
lebendiger und machtvoller Ausdruck dieser Unzufriedenheit. »Dichten
ist Politik«, formulierte er später. Nach dieser Programmatik lebt
Dhasal auch als Privatmensch. So äußerte er im Gespräch mit dem
Fotografen Henning Stegmüller: »Ich genieße es, mich selbst zu
entdecken. Ich bin ein glücklicher Mensch, wenn ich ein Gedicht
schreibe, und ich bin glücklich, wenn ich eine Demonstration von
Prostituierten anführe, die für ihre Rechte kämpfen.«
In jüngster Zeit verfasste Dhasal Kolumnen für die
große marathisprachige Zeitung »Daily Saamana« und arbeitete als
Herausgeber von »Weekly Satyata«. Daneben veröffentlichte er die beiden
Gedichtbände »Mee Marle Suryachya Rathaache Saat Ghode« (Ü: Ich habe
die sieben Pferde des Sonnenkönigs getötet) und »Tuze Boat Dharoon me
Chalallo Aahe« (Ü: Das Kind folgt dem Vater, seinen Finger haltend).
Für sein schriftstellerisches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen
geehrt, darunter der Soviet Land Nehru Award (1974), der Maharashtra
State Award (1973, 1974, 1982, 1983) und der Staatspreis in der
Kategorie Literatur Padmashri (1999). 2004 wurde ihm von der Sahitya
Adademi der Golden Life Time Achievement Award verliehen.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Tuhi Iyatta Kanchi?
Ambedkara Prabodhini
Mumbai, 1981
Ambedkari Chalwal
Ambedkara Prabodhini
Mumbai, 1981
Bombay-Mumbai. Bilder einer Megastadt
[mit Henning Stegmüller u. Dilip Chitre]
A1
München, 1996
Übersetzung: Lothar Lutze
Andhale Shatak
Ambedkara Prabodhini
Mumbai, 1997
Übersetzer: Lothar Lutze |